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Da haben wir uns nun vorgenommen, besser als andere zu sein, eine Würdigung der Persönlichkeit mit unseren Reden zu erreichen - und dann fehlt es - wie wir meinen - an Persönlichkeiten. ...
Als ich wieder einmal so recht unzufrieden mit mir und den mir übertragenen Fällen war, habe ich einmal überlegt: was hättest du auf den Trauerfeiern für deine Eltern gesagt? Beim Nachdenken darüber hatte ich mir das Leben meiner Eltern vorüberziehen lassen, und nach dem erstem Anschein war das auch nur das Übliche: Geboren im vorigen Jahrhundert, Metallarbeiter und Hausfrau, als Erwachsene hatten sie zwei Kriege erlebt, 5 Jahre Arbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise, Kriegsdienst und Gefangenschaft, Mutter mit Kind im Bombenkeller, Hunger in den ersten Nachkriegsjahren, mit beinahe 60 Jahren erste Urlaubsreise im Leben, sehr kleine Rente, Krankheit und Tod.
Nur ich weiß, worin das Besondere, das ganz Persönliche dieser beiden Lebensläufe bestand, nur ich weiß, was mir an ihnen nicht gefallen hatte und wofür ich meinen Eltern immer dankbar sein werde.
Das weiß nur ich, doch damals 1978, als meine Mutter starb, hatte sich der Redner für dieses ganz Persönliche gar nicht interessiert. Es war ein ausgesprochen dummer städtischer Redner, der mich 6 Minuten lang anhand eines Fragebogens befragt hatte, in den er Kreuzchen malte; entsprechend war dann die Rede. Das war einer der Gründe dafür, meine jetzige Tätigkeit aufzunehmen. Und nun komme ich von Berufs wegen in die Lage, über Menschen zu sprechen, denen ich nie im Leben begegnet bin. Ich muß in der wenigen Zeit, die einem die Friedhöfe heute zugestehen, das Unverwechselbare herausstellen. Das aber erschließt sich nur über das Detail, über Einzelheiten im Handeln, Fühlen und Denken, im Milieu des Verstorbenen.
Wenn ich nach einem Besuch bei Hinterbliebenen feststelle, daß ich da 5 Seiten unergiebig Papier voll geschrieben habe, so darf ich nicht unzufrieden sein mit den Hinterbliebenen, die sich nicht so recht ausdrücken konnten, die wenig über den Verstorbenen wissen oder wenig wissen wollten; dann muß ich zuerst unzufrieden sein darüber, was und wie ich gefragt habe. Doch um zu Einzelheiten zu kommen, braucht man im Kopf selbstverständlich erst einmal die historischen Wendepunkte, denen die jetzt sterbende Generation ausgesetzt war.
Das mag Ihnen als Selbstverständlichkeit gelten, doch bei vielen Hinterbliebenen, vor allem den Jüngeren, ist dieses historische Grundmuster nicht vorhanden. Also muß man fragen, wie sie oder er durch die Kohlrübenwinter, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise gekommen ist, wie sie mit den Kindern die Bombennächte durch gestanden hat, wie man sich 1946 Essen und Kleidung beschafft hat. ...
Eine Trauerrede ist kein Geschichtsunterricht, aber geschichtliche Einzelheiten können gerade jungen Zuhörern die Lebensbedingungen des Verstorbenen vor Augen führen. So hatte ich einen Mann zu bestatten, der gelernt hatte, zeitlebens jeden Pfennig umzudrehen. Und ich war froh, in einem Geschichtsband das Faksimile einer Mitteilung an Zeitungsleser gefunden zu haben und konnte dann sagen: "Heinz Zackert wurde am 31. Oktober 1923 in Berlin-Neukölln geboren. Das war auf dem Höhepunkt der Inflation und des Massenelends. An dem Tag, als Heinz Zackert geboren wurde, kostete eine "Berliner Morgenpost" am Kiosk 1 Milliarde Mark".
So etwas beeindruckt gerade jüngere Zuhörer, jene Enkel und Urenkel, die in Turnschuhen erscheinen und Kaugummi kauend hilflos da in der Trauerhalle sitzen. Es beeindruckt sie, weil sie so wenig Ahnung von dem haben, wie der Alltag ihrer Altvorderen ausgesehen hatte.
Wenn wir einen alten Straßenbahnfahrer oder sonstigen mit der Technik Befaßten zu bestatten haben, sollte man die Angehörigen auch fragen, wie er mit der fortschreitenden Technikentwicklung zurechtgekommen ist. Den schon erwähnten jungen Leuten kann man damit den Großvater interessanter erscheinen lassen, wenn man ausmalt, unter welchen Bedingungen auf einer Dampflok gearbeitet wurde oder als Hucker auf dem Bau.
Jüngere Hinterbliebene wissen oft nicht, was Weltwirtschaftskrise und Inflation war, wie das mit dem Schwarzmarkt vor sich ging, sie können sich nicht vorstellen, wie das Leben im Luftschutzkeller ablief, was Ährenlesen und Rübenstoppeln bedeutete. Und die Jüngeren, die nach 1943 in die Schule gekommen sind, haben da wohl die Papiere der Großeltern vor sich liegen, aber lesen können sie den Gesellenbrief oder den Trauschein nicht mehr, der ist in deutscher Schrift verfaßt worden. Doch gerade da finden sich oft die interessanten Details. Da erkennt man - was man nicht unbedingt erzählen muß - die wenigen Wochen zwischen Hochzeitstermin und Geburt des ersten Kindes, da sieht man, daß die Oma im Berliner Norden unehelich geboren wurde - lauter Fakten, die so manches im weiteren Lebenslauf erklären.
Wenn wir die Details nicht kennen, so besteht immer die Gefahr, daß wir uns in die übliche Trauerredner-Phraseologie flüchten. Da gibt es dann eben den "treu sorgenden Familienvater" und die sattsam bekannten "nimmermüden Hände". Doch die reinen Fakten geben uns noch nicht den Stoff für unsere Rede. Da wir über eine Persönlichkeit, einen Menschen in seiner Unverwechselbarkeit sprechen, müssen wir immer wieder fragen, wie sich diese Treue und Sorge geäußert hat, warum da einer nimmermüde gewesen ist.
Es gibt Hinterbliebene, die sehr ausführlich über Details, Beweggründe und Haltungen sprechen können. Andere belassen es bei allgemeinen Floskeln wie: er war ein lieber Mann. Gerade diejenigen, die einem Pauschalurteile bieten, müssen vom Praktischen her befragt werden: Statt - War das eine gute Ehe? Besser: Wie haben Sie die ganz normal in einer Ehe auftretenden größeren und kleineren Probleme gelöst? Statt: Wie sind Sie von der Mutter erzogen worden? Besser: Wie hat sie reagiert, wenn sie etwas angestellt hatten, wie hat sie auf Schulbildung und Berufswahl Einfluß genommen, wie sind Sie über die Pubertätszeit hinweggekommen, wie hat sie reagiert auf Ihren Lebenspartner? Oder zum Großelterndasein: War er der Bilderbuchopa, bei dem die Enkel all das durften, was zu Hause nicht gestattet ist, oder hat er seine Kinder bei deren pädagogischen Bemühungen unterstützt? Wenn wir so etwas nicht erfragen, dann bleibt uns nur die Rederei vom liebevollen Großvater.
Durch genaueres Nachfragen kann man übrigens manche Hinterbliebenen dazu bewegen, sich über Motive und Absichten des Verstorbenen tiefere Gedanken zu machen. Hin und wieder wurde mir dafür gedankt, daß man den etwas eigenartigen oder gar bösartigen Opa jetzt besser verstehen gelernt habe. Zu diesen Details, die einem die Persönlichkeit erklären und erhellen können, gehört auch unbedingt die Erklärung, wie auf die Mitteilung reagiert wurde, daß man an Krebs erkrankt sei oder ob man über Sterben und Tod unverkrampft sprechen konnte.
Um die Persönlichkeit eines Verstorbenen ausloten zu können, sollten wir auch genauer nach Freizeitaktivitäten fragen und auch hier wieder nach dem Wie und Warum. Für viele Menschen ist ein Garten ein wichtiger Bestandteil der Freizeitgestaltung, wenn nicht sogar Inhalt des Lebens geworden.
Darum lohnt es sich, genauer zu fragen, wofür jemand den Garten genutzt hat: War es der Obst- und Gemüseanbau - nach den Erfahrungen von zwei Hungerzeiten, ging es ums Naturerlebnis, wollte man mit englischem Rasen dem Nachbarn imponieren, war der Garten vor allem zum Auslauf für Kinder und Enkel gedacht, ging es um eigenständiges Gestalten, sozusagen um Behauptung von Individualität in einer arbeitsteiligen Gesellschaft? Ein Garten sagt viel über seine Besitzer aus.
Und ebenso das Haustier: Ging es um Gesellschaft in der Einsamkeit, brauchte man ein Objekt, dem man befehlen konnte - denken Sie an Heinrich Manns Untertan: "Und der Dackel Männe hatte alle zum Vorgesetzten" - , ging es einfach darum, etwas Natürliches um sich zu haben? Ähnliche Fragen lassen sich zum Auto, zum Boot oder zu den Gründen für Reiselust stellen.
Wir sind ständig in der Gefahr, starke, auch schillernde Persönlichkeiten, Leute, die sich nicht alles vorschreiben lassen wollten, Menschen, die Verantwortung auch im weiteren Sinne tragen wollten, Menschen, die für ihre Überzeugungen auch gelitten hatten, phantasiereicher und liebevoller mit unseren Worten zu bedenken als die Unscheinbaren, die Mitläufer. Und doch - Publikumsliebling in der "Zauberflöte" ist weder der allwissende Sarastro noch der aus fürstlichen Geblüt stammende Tamino, sondern der naive Papageno. Er ist Publikumsliebling auch und gerade, wenn der Priester den Papageno fragt: "Willst auch du dir Weisheitsliebe erkämpfen?", und Papageno antwortet: "Kämpfen ist meine Sache nicht. Ich verlang auch gar keine Weisheit. Ich bin so ein Naturmensch, der sich mit Schlaf, Speise und Trank begnügt".
Natürlich mögen wir den Helden, vielleicht auch, weil wir selbst nicht unbedingt Helden sein möchten - und Helden lassen sich auch am einfachsten mit einer Rede bedenken. Doch wir wollen ja alle Verstorbenen würdigen. Es ist klar, daß wir am Grabesrand keine Zensuren verteilen - aber Würdigung, das heißt auch immer Wertung.
Immer wieder sagen uns Angehörige: "Opa hatte ein ganz normales Leben gelebt". Aber sollte man nicht auch einmal in der Rede fragen, ob es denn normal sei, Kriegsdienst, Gefangenschaft, Bombennächte, Flucht und Hungerjahre durchstehen zu müssen? Allerdings ist dabei auch Vorsicht geboten: Man kann die Menschen nicht einfach nur als Opfer der Geschichte darstellen. Man schaue sich die Wahlergebnisse der letzten Jahre der Weimarer Republik an oder die ständigen 99% der Ja-Stimmen in der DDR. Und in den neuen Bundesländern macht man immer wieder die Erfahrung, daß gerade in Familien mit mehreren Arbeitslosen angeblich keiner die jetzigen Machtverhältnisse im März 1990 mit entschieden hatte an der Wahlurne. Es gehört wohl zur kleinbürgerlichen Haltung, sich immer wieder als Opfer darzustellen.
Wir haben mit unserer Rednertätigkeit eine Aufgabe übernommen, die eigentlich eine Anmaßung ist: Wir reden in wenigen Minuten über acht Jahrzehnte eines unverwechselbaren Lebens. Und darum müssen wir herausbekommen, worin die wirkliche Lebensleistung besteht, sei es in der jahrzehntelangen Pflege eines behinderten Familienangehörigen oder im Verfassen eines wissenschaftlichen Werkes, sei es in der normalen Fürsorge für die Familie oder im Aufgehen in der Arbeit.
Damit wir diese Anmaßung einigermaßen auch vor uns selbst vertreten können, sollten wir eben immer wieder gemeinsam über unsere Arbeit sprechen - über die geistigen Grundlagen ebenso wie über die Methoden.
Um über Methoden diskutieren zu können, sollte man sich auch öfter ansehen und anhören, was der Kollege so tut. Das mögen viele nicht, denn gerade Leute wie wir, die wir im gewissen Maße auch eine künstlerische, wenigstens aber journalistische Arbeit verrichten, sind eitel und schnell verletzbar. Dennoch brauchen wir gerade bei unseren Weiterbildungslehrgängen den Mut, unsere eigenen "Werke" zur Diskussion zu stellen, und wir sollten uns Argumenten nicht verschließen.
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