Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V.
Montag, 8. September 2008
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Bestattungs- und Trauerkultur heute... von Klaus Westendorf Drucken

Wer über den Stand der Trauerkultur im heutigen Deutschland nachdenken will, der muß sich notgedrungen mit  Defiziten befassen. Es sind vor allem drei Faktoren, von denen die Bestattungs- und Trauerkultur zu Beginn des 21. Jahrhunderts beeinflußt wird:

- die nachwirkende christliche Tradition,

- die Verdrängung des Todes und

- die Kommerzialisierung der Bestattungskultur.

Wenn vom aktuellen Stand  zu sprechen ist, dann muß man mit dem Jahre 785 beginnen, denn da fiel eine Entscheidung, die bis heute nachwirkt. 

Karl der Große bestimmte unter dem Einfluß seiner kirchlichen Berater im Edikt von Paderborn, daß die alleinige Sorge um die Bestattung in die Hände der Kirche zu legen ist. Das sicherte dem Klerus über Jahrhunderte hinweg Einfluß und Einnahmen. Außerdem wurde mit diesem Edikt die bei Völkern der Antike und bei den Germanen übliche Feuerbestattung verboten. Das Verbot wurde 1886 erneut vom Vatikan bestätigt, und erst mit dem 2.vatikanischen Konzil fiel 1962 jenes Verdikt.

Nachdem es in der Antike ganze Totenstädte, Nekropolen,  gegeben hatte, wurde nach dem Paderborner Edikt im christlichen Abendland der Platz in der Kirche oder an der Kirche zum normalen Begräbnisplatz, es entstand der Kirchhof. Mit der Reformation entstanden Begräbnisplätze außerhalb des Kirchengeländes, Friedhöfe als kommunale Einrichtungen kamen erst Ende des 18. Jahrhunderts auf.

Trotzdem bestimmten bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die beiden Großkirchen im wesentlichen den Inhalt der Friedhofskultur, doch immerhin gab schon Friedhöfe der Freireligiösen Gemeinden und später sogar einige Freidenkerfriedhöfe.

Diese lange Tradition der Verbindung von Kirche und Trauerkultur sitzt  noch immer fest im Bewußtsein vieler Leute: Da wird in Fachbüchern und Fachzeitschriften mit Selbstverständlichkeit über die Zusammenarbeit von Bestattern, Friedhofsverwaltungen und Pfarrern gesprochen. Man nimmt da nicht zur Kenntnis, daß in Deutschland heute ein hoher Prozentsatz der Trauerfeiern von Sprechern anderer Religionsgemeinschaften und von Freigeistern bestritten wird. In Traueranzeigen für Menschen, die eindeutig keiner der Großkirchen angehörten, findet man immer noch das Kreuz bei der Angabe des Sterbedatums. (Andererseits kann man  nur hoffen, daß nicht wieder - wie in der Nazizeit - die germanischen Runen für Geburt und Tod auftauchen). Und wenn einem als Atheisten bekannten Menschen in der Zeitung nachgerufen wird, daß er sein "irdisches Leben vollendet" habe, so ist das eigentlich peinlich für die Angehörigen.

Die Tradition, daß Bestattungskultur und Kirche zusammengehören, erweist sich auch als hartnäckig in anderer - meist kommerzieller - Hinsicht. 

Obwohl im Friedhofsrecht festgelegt ist, daß in Orten, in denen als einziger nur ein kirchlicher Friedhof existiert, alle Verstorbene aufgenommen werden müssen, wird das oft unterwandert oder erschwert. Da werden schriftliche Erklärungen abgefordert, daß der Redner keine der Religion entgegengesetzten Äußerungen  von sich gibt, da verlangte eine evangelische Kirchgemeinde im Harzvorland von den Hinterbliebenen eines Neuapostolischen einen höheren als den üblichen Preis für die Bestattung und mußte erst durch ein  Oberverwaltungsgericht dazu verurteilt werden, die überhöhten Gebühren zurückzuzahlen. Man wird in Deutschland immer noch geschuriegelt,  wenn man weder evangelisch oder katholisch ist.   

Doch es gibt selbst bei Christen inzwischen Vorbehalte gegen die kirchliche Trauerfeier: Da wird zum einen bedauert, daß in den meisten katholischen Trauerfeiern nur wenig  zur Persönlichkeit des Verstorbenen gesagt wird. Das stellen auch die deutschen katholischen Bischöfe in einer Erklärung aus dem Jahre 1994 fest.  Zum anderen  können es selbst gläubige Menschen in ihrer Trauersituation nur schwer ertragen, wenn sie aufgefordert werden, die Nummern 319 oder 175 des Evangelischen Kirchengesangbuches mitzusingen, in denen es heißt: "Freu dich sehr, o meine Seele, und vergiß all Not und Qual........"; oder  "Gott lob, die Stund ist kommen, da werd ich aufgenommen ins schöne Paradeis. Ihr Eltern dürft nicht klagen,  mit Freuden sollt ihr sagen: Dem Herrn sei Lob, Ehr und Preis". Es ist zu bezweifeln, ob solche Texte einem Elternpaar helfen können, das ein Kind verloren hat.

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch die Medien täglich mit dem Tod konfrontiert wird, in der der Einzelne aber den Gedanken an den eigenen Tod und den der Angehörigen und Freunde verdrängt.

In dörflichen Gemeinschaften und in den Großfamilien, in denen drei Generationen zusammenwohnten, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein der Tod eines Dorfbewohners oder eines Familienangehörigen als ein Ereignis betrachtet, das dem natürlichen Lauf eines jeden Lebens entspricht. Während zu Luthers oder Bachs Zeiten das Sterben sogar vor der versammelten Familie - auch den Kindern - und den Freunden geschah, so ist es heute in die Intensivstationen oder ins "Sterbezimmer" der Krankenhäuser verbannt worden. Sterben geschieht heute sehr hygienisch und meist sehr einsam. Und  wenn ein Mensch doch zu Hause stirbt, so fordern die Hinterbliebenen oft, daß die Leiche ganz schnell fort gebracht wird.  

Zur Ausnahme muß man heute zählen, wenn die Tochter einer alten Frau berichtet: "... wichtig ist mir gar nicht mehr die Trauerfeier - ich habe sie gewaschen und zusammen mit dem Bestatter eingesargt, habe sie zu Hause einen Tag behalten, habe richtig Abschied genommen"

Zur Verdrängung gehört es auch, daß Hinterbliebene in ihrem Schmerz oft alleingelassen werden. So vermeiden es Hausbewohner oder Kollegen, das Thema im Beisein der Trauernden anzusprechen, da will man als Trauernder nicht auffallen durch die ehemals übliche Trauerkleidung.

Nirgend wird so viel Euphemistisches dahergeredet und geschrieben wie beim Tod eines Menschen. So liest man in Traueranzeigen: "am 13.Oktober entschlief ... ", "... ist am 10. November heimgegangen", "wurde abberufen", und statt "starb" liest man  oft "verstarb", das ist gefälliger. Wenige nur trauen sich, das Wort "tot" zu gebrauchen, und es erschreckt manchen auf den ersten Blick, wenn er in der Anzeige über einen Dreijährigen liest: "Unser lieber Max ist tot. Er ist ertrunken. Bitte vergeßt ihn nie." 

Es kann hier nicht auf alle Gründe für diese Verdrängung eingegangen werden. 

Jedoch begann das mit der Industrialisierung, mit dem Wachsen der Städte und dem Zerfall der Großfamilie. Und sie setzt sich fort in der so genannten Konsumgesellschaft: Der Tod ist in der Anschauung sehr vieler Menschen keine naturgegebene und notwendig Erscheinung mehr, sondern er wird angesehen als “Betriebsunfall”, als ein Ereignis, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Vorbei sind die Zeiten, als auf dem Dorf der vom Tischler "maßgeschneiderte" Sarg schon jahrelang in der Scheune bereit stand. Sterben erscheint vielen Menschen als ein Vorgang, der immer nur andere betrifft oder nur im Fernsehen vor sich geht. Darum auch lehnen es viele Eltern ab, ihre Kinder zu einer Trauerfeier mitzunehmen. Angeblich könne man es einem 10Jährigen nicht zumuten, so etwas Trauriges zu erleben. Dabei darf der Knabe aber jeden Tag mehrere Katastrophen und  Morde auf dem Bildschirm ansehen -   doch die würdige Verabschiedung vom Großvater wird ihm verwehrt.

Es ist auch eine gedankliche Verflachung, ja Leere entstanden: Wir dürfen uns dabei nichts vormachen: Nur die wenigsten kirchenfernen und religionsfernen Menschen machen sich ernsthafte Gedanken über den Sinn des Lebens und damit auch über den Tod. Wer keine Kirchensteuern zahlt ist noch lange kein Freigeist. Darum haben gerade die freigeistigen Vereinigungen die Pflicht, über tagespolitische Aufgaben hinaus zum Nachdenken aufzufordern über den Sinn des Lebens, über Werte. Wir wollen nicht, daß die Menschen  "friedhofsfromm" werden, aber man sollte immer leben mit der Gewißheit, daß Leben etwas Zeitliches ist - und damit etwas sehr Kostbares. Die Forderung an uns und andere ist ein sorgsamer, aktiver und solidarischer Umgang mit der Lebenszeit.

Zu diesen Umgang mit der Lebenszeit gehört es auch, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, wie ein Mensch verabschiedet werden soll.  Dazu zählen genaue Absprachen in der  Familie und mit den Freunden.  

Zur Zeit werben die Bestattungsinstitute in ihrer schwierigen Geschäftslage vehement für Vorsorgeverträge. Das sollte man nicht als rein kommerzielle Aktion ansehen. Wer sich zu einem solchen Schritt entschließt, der hat sich Gedanken über sein Lebensende gemacht, und sei es nur mit der Überlegung, daß man die Angehörigen nicht finanziell belasten möchte.

Doch viele solcher Festlegungen gehen über das Kommerzielle hinaus: 

Da wird auch bestimmt, wie die Abschiedsfeier vor sich gehen soll, wer da sprechen sollte, was er sagen soll.

Das erweist sich als notwendig, denn seit die Zahl der nichtkirchlichen Trauerfeiern sprunghaft gestiegen ist, tummeln sich auch reine Geschäftemacher als Redner an den Grüften, da wird keine Hilfe gegeben sondern pseudokirchliches Gerede. So gibt es in einer thüringischen Großstadt die übereinstimmende Beobachtung evangelischer Pfarrer, daß die weltlichen Trauerredner meist viel salbungsvoller und "pastoraler" auftreten als die Vertreter der Kirche.

Es wird viel Dummes geredet auf Trauerfeiern, und deshalb kommt auch in der deutschen Literatur der Trauerredner, der Priester oder Pastor gar nicht gut weg. Da heißt es im Volksmund : "Leichenrede gleich Lügenrede", oder bei Tucholsky in dem Gedicht " Wenn eena dod ist" :" ... die Rede muß der Dümmste halten."

Es ist notwendig, daß sich die freigeistigen Verbände ihren eigenen Stamm von Rednern erhalten und immer wieder mit jüngeren Leuten auffrischen, denen eine Ausbildung zuteil werden muß.

Es ist auch nützlich, sich rechtzeitig über über die Musik auf der Trauerfeier klar zu werden. In vielen ländlichen Gebieten, wegen fehlender Möglichkeit zum Musizieren, und in den Städten aus finanziellen Überlegungen der Hinterbliebenen wird immer mehr zur Musikkonserve gegriffen. Doch wir werden den ganzen Tag von Konservenmusik bedudelt - im Supermarkt, daheim vom ständig eingeschalteten Radio. Da ist dann ein Live-Musizieren etwas Besonderes, angemessen dem würdigen Abschied von einem Menschen.

Allerdings gibt es auch beachtenswerte Gründe für den Gebrauch von Tonkonserven: In der Absicht, den Verstorbenen in seiner Persönlichkeit zu würdigen, gibt es oft nur diese Möglichkeit, eine Lieblingsmelodie, ein Musikstück, das im Leben des Verstorbenen eine Rolle spielte, zu Gehör zu bringen. In diesem Zusammenhang ist es wohl angebracht, gar nicht mehr von “Trauermusik” im herkömmlichen Sinne zu sprechen.

Aber Live-Musiken, vor allem die Stücke für Orgel, werden oft gedankenlos, ja lieblos ausgewählt. Der Verfasser, ein weltlicher Trauerredner, hat aufgelistet, was auf den von ihm betreuten Trauerfeiern in den vergangenen 5 Jahren auf der Orgel oder von kleinen Instrumentalgruppen gespielt wurde:

Ave Maria 21,5%; Träumerei 20,6%; Nabucco -Freiheitschor 16,9%.

Zum einen ist es erstaunlich, daß auf eindeutig weltlichen Trauerfeiern das “Ave Maria”, das "Gebet einer reinen Jungfrau", an der Spitze steht. Aber das hängt wohl vor allem mit der oberflächlichen Beratung in den Bestattungsinstituten zusammen, die den musikalisch Unkundigen sagen: "Das wird gern genommen". Und so wird der Nabucco-Freiheitschor eben auch für Verstorbene empfohlen, die nie unter Gefangenschaft, Haft oder Bedrückung leiden mußten.

Auch Moden gibt es. So stieg eine Zeitlang Elton Johns "Candle in The Wind" an die Spitze, und man muß es wohl den Insidern im Bestattungsgeschäft nachsehen, wenn sie die jeweiligen Spitzenreiter dann als "Gruftschlager" bezeichnen.

Es sind in Deutschlands Trauerkultur  zur Zeit zwei gegensätzliche Trends zu erkennen: Da wird der Totenkult immer prunkvoller, da wird Reichtum ausgestellt und auch Macht, also - um mit Otto Reutter zu sprechen - "alles für die Leut". Manche meinen auch etwas gutmachen zu müssen, was sie zu Lebzeiten des Verstorbenen versäumt haben. Und andererseits geht es massenhaft hin zur stillen Verabschiedung ohne Trauerfeier, selbst zu Urnenbeisetzungen, die ohne Hinterbliebene stattfinden. Es kommt immer mehr zur Entsorgung der Leiche.

Das hat wohl vor allem finanzielle Gründe in einem Land, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Aber das Finanzielle ist nur die eine Seite. Der Kontakt vieler Menschen untereinander geht verloren, die Anzahl der Single-Haushalte steigt.

Und dann wollen sich manche auch nicht der Routine, ja der Peinlichkeit der überkommenen Bestattungsriten aussetzen. Wieder andere, eben weil Tod und Sterben verdrängt worden sind, fürchten sich davor, aus dem täglichen Trott in die Feierlichkeit einer Zeremonie versetzt zu werden oder ihre Trauer vor anderen zeigen zu müssen. So mancher fühlt sich auch in seinen nichtreligiösen Gefühlen verletzt, wenn er selbst in kommunalen Trauerhallen Abschied nehmen muß unter christlichen Symbolen. Auch ästhetische Gründe gibt es dafür, eine übliche Bestattung abzulehnen. So fragen sich viele: Warum muß ein Sarg immer noch gestaltet sein nach dem Geschmack der Gründerzeit, mit falschem Barock oder Neorenaissance ? Die Sargindustrie ist in der Lage und sogar willens, auch künstlerisch und unserer Zeit entsprechend gestaltete schlichte Särge preiswert herstellen, doch die werden von den Bestattern kaum gelistet, und so heißt ein geschmackvoller Totentschrein dann gleich Designer-Sarg und kostet 5 000 € und mehr.

Zu fragen ist auch, warum soll man nicht eine Abschiedsfeier in einer gepflegten  Gaststätte gestalten, anstatt in den düsteren Trauerhallen der Kaiserzeit zu sitzen?  Kluge Bestatter, die es sich leisten können, reichlich zu investieren, haben sich eigene, neutral gestaltete Trauerräume- und Hallen  zugelegt, in denen im besten Sinne des Wortes individuell "gefeiert" werden kann, aus  denen man auch nicht nach 20 Minuten herausgedrängt wird, wo nicht die nächste Trauergesellschaft draußen wartet.

Im Friedhofsgesetz der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ist festgelegt, daß eine Feier 30 Minuten dauern darf - doch nach 20 Minuten werden die Friedhofsangestellten oft schon ungeduldig. Ein Begräbnistag muß Gebühren einbringen, und die steigen von Jahr zu Jahr. Während kirchliche Friedhöfe in Berlin für die Benutzung der Kapelle samt Orgelmusik noch etwa 150 € verlangen, ist der Preis für die Hallenbenutzung bei kommunalen Friedhöfen Berlins inzwischen auf 310 € DM gestiegen, und bei Überziehung der festgelegten Zeit wird ein Zuschlag verlangt. Damit die Angehörigen dann nicht etwa ausweichen auf eine Rede nur am Grab, hat ein Berliner Bezirksamt den Bestattern schriftlich mitgeteilt, daß am Grab nur würdigende Worte, nicht aber Reden gestattet sind.

Einige Bemerkungen noch zum Bestattungsgewerbe:

Es existiert als Gewerbe seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts,   hervorgegangen aus den Aufgaben der Tischler, Fuhrleute und der Totenfrau. Es wurde zum nützlichen und notwendigen Gewerbe vor allem in den schnell wachsenden Städten der Gründerjahre.

Aber es ist eben ein Geschäft, das seinen Mann und seine Frau ernähren muß, es ist kein caritatives Unternehmen.  Wer das bedauert, der muß seine Toten wieder wie 1945 allein mit dem Handwagen zum Friedhof schaffen, der muß sich allein mit mehreren Ämtern herumschlagen.

Doch dieses ehrenwerte Gewerbe verliert immer mehr seine bisherige Identität.

Während gerade in Kleinstädten immer noch der solide Bestatter arbeitet, dessen Firma schon ganze Generationen des Ortes auf den letzten Weg begleitet hat, der vom Abholen, über Einsargen und Verantwortung für die Feier alles selbst besorgt, der den Hinterbliebenen auch eine psychische Stütze sein will, geht der Trend in den Großstädten wieder zur Arbeitsteilung. Der Bestatter organisiert die einzelnen Schritte vom Büro aus über spezialisierte Unternehmen, so daß dann in der "Annahme"  von Großunternehmen oft Mitarbeiter sitzen, die kaum je eine Trauerfeier miterlebt haben. So kommt es dann zu der Empfehlung, daß dieses Sargmodell  "gern genommen werde" - wie eben auch das “Ave Maria”, egal ob von Bach-Gounod oder von Schubert.

Beim Autokauf geht es sehr individuell zu,  wer aber eine Bestattung auszurichten hat, der muß sich heute zunehmend an Katalogen orientieren. Denn Särge, Schmuckurnen, Totenwäsche und Blumengestecke werden den Hinterbliebenen oft nur auf Hochglanzpapier präsentiert.

Es ist zu befürchten, daß wir allmählich zu amerikanischen Verhältnissen gelangen, so wie sie Jessica Midford 1965 in ihrem berühmten Buch "Der Tod als Geschäft" beschrieben hatte.

Der Weg dorthin geht über den üblichen Konzentrationsprozeß, und der wird beschleunigt durch die augenblickliche Bevölkerungsstruktur. Ins statistische Sterbealter sind jetzt schwache Jahrgänge gekommen, im Lebensbaum ist  auf der Männerseite eine auffällige Einbuchtung zu erkennen - das sind die sogenannten Stalingrad-Jahrgänge. Erst nach dem Jahr 2004 wird die Zahl der Bestattungen wieder steigen.

Noch existieren in Deutschland etwa 4 000 Bestattungsunternehmen, in ihrer Mehrzahl kleine Familienbetriebe, noch haben die Großen der Branche nur 80 000 der 900 000 jährlichen Sterbefälle in ihren Auftragsbüchern, doch die Chefs einer bekannten Holding erklärten bereits 1998 öffentlich, daß sie die Branche "aufmischen" wollen, daß in den nächsten 5 bis 10 Jahren mehr als ein Drittel der kleinen Bestatter verschwinden müsse und werde. Und dann werde man an die Börse gehen. Es ist zu befürchten, daß dann die Möglichkeit für individuell gestaltetes Abschiednehmen noch geringer wird, wo doch bereits einige der großen Unternehmen nur noch sogenannte Paketlösungen anbieten, also Bausteine, in denen innerhalb einer Preisklasse bestimmte Leistungen festgelegt sind.

Es gibt einige wenige Bestatter, die sich alternativen Formen der Bestattung zugewandt haben, meist für bestimmte Bevölkerungskreise, auch für die sogenannte Szene. Alkoholorgien an der Gruft sind wohl nicht jedermanns Sache, aber warum sollte man, wie bei der Bestatterin Claudia Marschner in  Berlin-Charlottenburg, nicht auch Luftballons steigen lassen dürfen über der Gruft? Warum sollte man den Angehörigen nicht anbieten, den Sarg des Verstorbenen selbst zu bemalen?

Eigentlich ist die Bezeichnung "alternativ" irreführend, denn das erweckt Assoziationen an Spektakel und Protest. Was sehr notwendig ist, das sind Abschiedsrituale, die dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen gemäß sind. 

Darum sollten freigeistige Vereinigungen sich innerhalb ihrer Region umschauen nach Zusammenarbeit mit jenen privaten Instituten, die jetzt im Verdrängungswettbewerb ihre Zukunft darin erblicken, für alle individuellen Wünsche offen zu sein.  

Hier ist versucht worden, einige Probleme zur heutigen Lage in der Bestattungs- und Trauerkultur anzusprechen. Es konnte dabei nur einige Aspekte betrachtet werden. Zu reden und zu schreiben wäre wohl auch über die Auswahl und Gestaltung von Grabstätten, über Nachsorge für Hinterbliebene, über Sterbegleitung und vor allem über die sogenannte anonyme Bestattung.

Unbedingt nötig aber ist eine Diskussion darüber, was in freigeistigen Verbänden und Vereinigungen getan werden muß, um zu einer humanistischen Kultur der Trauer und der Bestattung zu gelangen.

 

 
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