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1. Der Mensch ist als einziges Lebewesen mit dem Bewusstsein seiner Sterblichkeit begabt. Jede Betrachtung über das Sterben setzt folglich eine bestimmte Auffassung über das Leben voraus. Diese ergibt sich aus der Verarbeitung naturwissenschaftlicher, medizinischer und psychologischer Erkenntnisse, aus weltanschaulichen und ethischen Einstellungen, rechtlichem und sozialem Wissen sowie persönlichen Erfahrungen. Die Auffassung über das Leben ist in unserem Fachverband geprägt von den Grundlagen einer freigeistigen Weltanschauung und lässt damit keinen Raum für Spekulationen auf ein Leben nach dem Tode, wohl aber für die farbige, lebendige Erinnerung an die Verstorbenen. Die Betrachtungen über Leben und Sterben können allgemeiner Art sein, sich auf andere Menschen beziehen, aber auch der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Sterben dienen. In Bezug auf letzteres stimmen wir der Aussage zu:"...Je intensiver sich der Mensch mit er Tatsache des Sterbenmüssens befasst und diese Tatsache zu einem wichtigen Inhalt seines Lebens macht, desto eher findet er im Sterben seinen persönlichen Tod, der ihm persönlich angemessen ist..." (REST).
2. Obwohl jedem Menschen die Endlichkeit seines Lebens und des seiner Mitmenschen bekannt ist, wird die gedankliche Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer oftmals verdrängt. Diese Bereiche des Lebens werden in der heutigen "modernen" Gesellschaft nicht selten als Medienereignis mit deutlich voyeuristischen Zügen oder aus rein religiöser, häufig auch aus pseudowissenschaftlicher und/oder okkultistischer Sicht dargestellt. Diese Themen im freigeistigen Sinn eines säkular begründeten Humanismus und damit tabufrei, gleichwohl taktvoll und einfühlsam den Menschen nahe zu bringen und dementsprechend an die eigene Arbeit heranzugehen, betrachten wir als eine wesentliche Aufgabe unseres Fachverbandes.
3 Sterben ist der komplexe Vorgang des Erlöschens der Lebensfunktionen bis zum Tod. Diese Komplexität erwächst aus der Sicht, dass der Mensch eine bio-psychosoziale Einheit bildet - also zugleich als Individuum und gesellschaftliches Wesen in Erscheinung tritt. Damit reduziert sich der Sterbeprozess nicht nur auf die biologisch-psychologischen Vorgänge, sondern k a n n , individuell sehr unterschiedlich, den allmählichen Verlust an sozialen Kontakten und psychischen wie auch physischen Fähigkeiten einschließen. Der Verlust sozialer Kontakte k a n n sich zeigen u.a. im Rückzug aus Gruppen bis hin zur Vereinsamung (Isolation), in zunehmender Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeiten und wachsender Interesselosigkeit. Soweit dieser Zustand erst im Sterbeprozess entstanden ist, sollte er uns in diesen Fällen nicht den Blick auf die Persönlichkeit des verstorbenen Menschen während seiner gesamten Lebenszeit verstellen.
4. Der Tod ist der Zustand eines Organismus nach dem i r r e v e r s i b l e n Ausfall der Lebensfunktionen (Vitalfunktionen). Der Tod ist ein in der organischen Verfassung des Lebens (gleichviel, ob nach dem Zustand der "Altersschwäche" oder nach schwerer Erkrankung) begründetes n a t ü r l i c h e s Ereignis. Dieser als Tod bezeichnete Zustand ist aus materieller Sicht endgültig, eine Weiterleben nach dem Tode ist aus diesem Verständnis heraus ausgeschlossen, eine Auferstehung eine Fiktion. Gleichwohl sollten wir im Umgang mit Hinterbliebenen, insbesondere in den ersten Phasen der Trauer, behutsam und verständnisvoll deren vielleicht andere Sicht auf dieses Problem wertungsfrei zur Kenntnis nehmen, ohne sie jedoch darin zu bestärken.
5. Neben der medizinischen Definition des Phänomens "Tod" ist eine Reihe philosophisch-ethischer Fragestellungen relevant, beispielsweise: Was bleibt von einem Menschen ? u.a. Schon das Ansprechen der Ewigkeit als ein Zeitmaß ohne Anfang und Ende ist nicht vorstellbar, so dass die Konzentration auf die Erinnerung an das, was die verstorbene Persönlichkeit an Werten aufwies und welche Leistungen sie vollbrachte, ganz wesentliche Trauerhilfe sein kann. Genau so wichtig für den Trauerprozess ist jedoch auch die Auseinandersetzung mit problematischen, noch schwer akzeptierbaren Eigenheiten dieses Menschen, mit Schuldgefühlen, gegenseitigen Verletzungen u.ä. Aspekten einer persönlichen Beziehung.
6. Die Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihrer Stelle gerückten Abstraktion (FREUD) bzw. das schmerzliche Innewerden eines Verlustes von Dingen (BROCKHAUS) oder auch einer Form der Stress-Störung nach einem Trauma (RANDO). Trauer ist aber auch die Fortsetzung der Liebe.
7. Trauer vollzieht sich in verschiedenen Phasen, die nicht unbedingt chronologisch aufeinander folgen. Es ist durchaus möglich, dass Trauernde manche Phasen mehrmals durchlaufen. Es gibt eine Reihe von Phasenmodellen, die sich jedoch stark gleichen. Die Mitglieder das Fachverbandes sollten (von der ihrer Funktion her, die sie für die Hinterbliebenen haben) diese Phasen kennen , um die Reaktionen der Hinterbliebenen verstehen und einordnen zu können.
8. Der Weg durch diese Phasen ist eine aktive psychische, personenspezifische Handlung. Der Trauernde kann nicht passiv abwarten, bis diese vergangen sind.
9. Die Traueraufgaben, die gelöst werden müssen, bestehen in der Realitätsakzeptanz, im Durchleben des Schmerzes, in der Anpassung an die Realität i. S. dessen, dass der Verstorbene als F e h l e n d e r gesehen wird und schließlich im Abziehen der Gefühlsenergie und ihre Neuinvestition in eine neue Beziehung bzw. Aufgaben. Zur Bewältigung dieser Aufgaben entwickelt jeder Trauernde seine eigenen individuellen Trauerreaktionen (auch Ambivalenz der Gefühle u.ä.). Aus diesem Wissen heraus lässt sich die besondere Verantwortung insbesondere der Menschen ableiten, die beruflich mit Hinterbliebenen in Kontakt treten, ihnen zu helfen beim Herausfinden dessen, was für sie persönlich hilfreich ist. Es geht letztlich darum. sie mit Behutsamkeit, Verständnis, Phantasie (!) und natürlich fachlicher Kompetenz bei allen Ansatzweisen Bestrebungen bei der Lösung vor ihnen liegender Aufgaben zu unterstützen. Diesem Anspruch gerecht zu werden, versuchen die Mitglieder unseres Fachverbandes in ihren jeweiligen Tätigkeitsbereichen.
Berlin/Gotha/Freital im März 2003
Diese Thesen wurden im Jahre 2002 von einer Arbeitsgruppe des Fachverbandes erarbeitet. Sie sind als Grundlage für die Diskussion innerhalb des Verbandes und mit Partnern in der freigeistigen Bewegung gedacht. Diese Thesen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder Endgültigkeit. Der Vorstand des Fachverbandes freuen sich auf Ergänzungen, Hinweise, Widerspruch....
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