Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V.
Montag, 8. September 2008
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Nachdenken über Trauer ...von Dr. Wolfgang Kaul Drucken

Trauer ist ein seelischer Prozeß, in welchem das Individuum einen Verlust verarbeitet."/1/

Sie wird in der Psychologie seit Sigmund FREUD als eine solchen Situationen angemessene menschliche Reaktion verstanden. Trauer kann einen Menschen, zumindest vorübergehend, verändern, sie kann ihn scheinbar oder auch wirklich erkranken lassen, dennoch ist sie keine Krankheit. Trauer kann bei Verlust des Arbeitsplatzes als Grundlage sozialer Sicherheit ebenso erlebt, empfunden werden wie sie beispielsweise die Reaktion auf den Verlust von Heimat, der eigenen Jugend oder den eines erwachsenen, nunmehr eigene Wege gehenden Kindes sein kann. Trauer wird auch bei Verlust des Partners durch Trennung oder durch den Tod erlebt. Sigmund FREUD fand für die mit Trauer verbundene psychische Belastung und Leistung die Bezeichnung Trauerarbeit.

Hier soll über Trauer bei Verlust eines nahen Angehörigen durch den Tod nach gedacht werden. Es soll bedacht werden, in welcher Weise Freigeister vielfältiger weltanschaulicher Orientierung, wie Menschen ohne religiöse Bindung /2/ mit Trauer umgehen, wie sie dazu beitragen können, Trauer um Verstorbene für die betroffenen Hinterbliebenen hilfreich für die Lebensbewältigung werden zu lassen. Es soll die Pflege des Trauerverhaltens (lat. colere - pflegen), es soll Trauerkultur in der Gesellschaft unserer Zeit bedacht werden. Dabei wird zu prüfen sein, wie der Anspruch, 'moderne' Gesellschaft zu sein, mit dem elementaren menschlichen Bedürfnis, trauern zu können, korrespondiert.


I.

Hannes STUBBE stellt in seiner kulturanthropologischen Untersuchung zur Trauer fest: " Trauer läßt sich ... nur als ein Phänomen erforschen, das durch viele Schichten des Lebens reicht und das demzufolge auch eine Vielheit von wissenschaftlichen Blickweisen provoziert im Sinne einer Zusammenarbeit verschiedener Humanwissenschaften. " /3/ Auf dieser Grundlage nennt und beschreibt er ausführlich, gestützt auf viele Quellen, " Traueruniversalien ". So bezeichnet er die vielfältigen " Formen der Trauer, die sich in allen Kulturregionen finden lassen. " /4/ Er beschreibt das " Trauerweinen " in seinen vielen Erscheinungsformen, die " Behandlung des Leibes", die" Trauerkleidung (Trauertracht)", die Formen von" Verzichte(n) und Verbote(n)", insgesamt zwölf Erscheinungsformen von Trauerverhalten. Er folgert, " daß die Trauer zumindest teilweise ein Produkt der menschlichen Evolution ist: zuerst einmal können trauerähnliche Reaktionen bei den biologisch nächsten Verwandten des Menschen, den höheren Primaten, beobachtet werden ...; und zweitens scheinen einige Symptome der Trauer in der menschlichen Spezies universal zu sein. " /5/ "

Die jeweilige Kultur und Gesellschaft überformt und gestaltet diese Trauerformen um und läßt sie besonders in Form der Trauerriten (-traditionen) zu Bestandteilen der jeweiligen Kultur- und Soziodynamik werden. Im Verlaufe von historischen Prozessen erfahren die Trauersitten dann oftmals sekundäre Umdeutungen, Generalisierungen und Modifikationen, so daß der zugrunde liegende Traueraffekt, der das Verhalten begleitet, oftmals nur schwer erkennbar wird. " /6/

Ganz offensichtlich aber ist in den hoch entwickelten Staaten die Trauer gegenwärtig den gleichen Verdrängungszwängen im gesellschaftlichen, demzufolge auch im individuellen Bewußtsein unterworfen wie das Sterben und der Tod. Entscheidende Ursachen für dieses die Menschen zunehmend belastende Geschehen liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa einsetzenden Industrialisierung und der damit verbundenen massenhaften Urbanisierung. Die ursprünglich im ländlichen und im kleinstädtischen Bereich bestimmend gewesenen Großfamilien zerfielen. In ihnen aber erlebten die mehreren Generationen angehörenden Glieder Sterben, Tod und Trauer ebenso als zum menschlichen Leben gehörend wie das Geborenwerden und die damit verbundene erwartungsvolle Freude.

Elisabeth KÜBLER-ROSS berichtete: " Früher arbeitete ich als Hausarzt in der Schweiz. Das Sterben war damals eine sehr einfache Angelegenheit. Es war üblich, daß die meisten Menschen zu Hause starben. Die gesamte Familie, einschließlich der Kinder, war bei Eintritt des Todes zugegen."/7/ Eindrucksvoll belegt sie diese Verallgemeinerung mit einem Kindheitserlebnis. " Ich erinnere mich an den Tod eines Bauern in meiner Kindheit. Er fiel vom Baum und wurde tödlich verletzt. Seine einzige Bitte, daheim sterben zu dürfen, erfüllte man sofort. Nacheinander rief er jede Tochter ans Bett, um ein paar Minuten mit ihr allein zu sprechen. Trotz großer Schmerzen ordnete er ruhig seine Angelegenheiten und verfügte über das Hab und Gut, das zu Lebzeiten seiner Witwe nicht aufgeteilt werden sollte; er bat jedes Kind, die Arbeiten und Pflichten auf sich zu nehmen, die er bis zu seinem Unfall selbst geleistet hatte. Seine Freunde wurden gebeten, ihn noch einmal zu besuchen, und obwohl ich damals noch klein war, nahm er mich und meine Geschwister von diesem Abschiedsbesuch nicht aus. Wir durften an den Vorbereitungen der Familie und an ihrer Trauer teilnehmen. Als der Bauer gestorben war, blieb er bis zur Beerdigung in dem Haus, das er selbst gebaut und sehr geliebt hatte, blieb unter Freunden und Nachbarn. ...

Ich berichte so ausführlich von dieser 'altmodischen' Sitte, weil sie nach meiner Ansicht zeigt, wie man das unausweichliche Ende des Lebens würdig annehmen kann; sie hilft dem Sterbenden und seiner Familie, die sich mit dem Verlust abfinden muß. ...

Wenn man den Kindern gestattet, in dem von einem Unglück getroffenen Haus zu bleiben und sich an Gesprächen und Sorgen zu beteiligen, läßt man sie mit ihren Ängsten nicht allein, sondern gewährt ihnen den Trost, daß sie an der gemeinsamen Verantwortung und Trauer teilhaben. Es bereitet sie darauf vor, den Tod als Teil des Lebens aufzufassen, und läßt sie an dem Erlebnis wachsen und reifen. " /8/

Derartige soziale Strukturen als Voraussetzung für unbefangenes Erleben von Sterben und Tod und einen entsprechenden Umgang mit der Trauer gibt es wohl nur noch als die seltene Ausnahme. Statt dessen entwickeln sich auf der sozialökonomischen Basis zeitgenössischer Marktwirtschaft ihr entsprechende Mechanismen, sie führen u.a. dazu, daß die Ausgrenzung von Sterben, Tod und Trauer aus dem gesellschaftlichen wie auch aus dem individuellen Bewußtsein in raschem Tempo, immer neue Erscheinungsformen hervorbringen, fortschreitet. Sterben und Tod als der Abschluß eines jeden menschlichen Lebens werden aller menschlichen Werte beraubt, Trauer als seelische Verarbeitung der durch den Tod verlorenen zwischenmenschlichen Beziehungen wird verdrängt, anonymisiert. Die Erkenntnis der Psychologie, daß jede Störung der Trauerarbeit durch Verdrängung " beim einzelnen dessen seelische Entwicklung, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und seine spontanen und schöpferischen Fähigkeiten behindert ", /9/ wird ignoriert. Zunehmend häufiger findet hingegen Trauerarbeit " isoliert, heimlich, in Zurückgezogenheit " statt, sie wird " nicht mehr von der Gemeinschaft (mit)getragen ". So bilden sich verstärkt " psychosomatische (z.B. Colitis, Depression etc.) bzw. psychosoziale (z.B. aggressives und sozial auffälliges Verhalten ") " Traueräquivalente " heraus. /10/

Philippe ARIES verweist auf zwei Hauptmerkmale, die selbst dem achtlosesten Betrachter ins Auge springen: " Erstens die Neuartigkeit dieses Sterbens, das dem früheren Bild des Todes konträr entgegensteht ...: die Gesellschaft hat den Tod ausgebürgert, ausgenommen den Tod großer Staatsmänner. Nichts zeigt in unseren modernen Städten mehr an, daß etwas passiert ist; ... Die Gesellschaft legt keine Pause mehr ein. Das Verschwinden eines einzelnen unterbricht nicht mehr ihren kontinuierlichen Gang. Das Leben der Großstadt wirkt so, als ob niemand mehr stürbe. Das zweite bezeichnende Merkmal ist nicht weniger augenfällig. Gewiß hat sich der Tod im Laufe eines Jahrtausends verändert, aber wie langsam! Die kleinen Modifikationen, die sich über mehrere Generationen hinzogen, gingen so unmerklich vor sich, daß die Zeitgenossen sie gar nicht wahrnahmen. Heute dagegen hat sich in einer einzigen Generation eine vollständige Umwälzung der Alltagswirklichkeit vollzogen ... ". /11/

Angesichts solcher Veränderungen im Umgang mit dem Sterben und dem Tod wird Trauer allgemein als unschicklich empfunden. " Die Hinterbliebenen können tiefen und anhaltenden Schmerz empfinden, doch nahezu im gesamten Abendland ist es heute zur Regel geworden, daß er nie öffentlich gezeigt werden darf. Also das genaue Gegenteil dessen, was früher geboten war. " Unter diesem Druck macht sich die Familie eines Verstorbenen " das diskrete Verhalten zu eigen, das die Gesellschaft von ihr verlangt. " /12/

Neben anderen fachkundigen und zeitkritischen Autoren beklagt auch der katholische Theologe Hans KÜNG diese Entwicklungen und ihre Ursachen. Er bezieht sich dabei u.a. auf eine kultursoziologische Bestandsaufnahme. " Es entwickelte sich das, was man heute in einer dritten Phase der Nachkriegsentwicklung der achtziger und neunziger Jahre die ' Erlebnisgesellschaft ' nennt.

... Es ist eine Gesellschaft, in der das Erlebnis vielfach Selbstzweck geworden ist und der Erlebniswert - vom neuen Mantel bis zum neuen Auto - wichtiger als der Gebrauchswert. ... Gleichmütig registriert das Publikum den unablässigen Strom der Mutationen von Erlebnis- angeboten. ... Doch was interessiert in einer Gesellschaft, in der das Erleben ins Zentrum gerückt und das ganze Leben als Erlebnisprojekt konzipiert ist, jene im Alltag so ferne, fremde, von sich fernzuhaltende Dimension des Sterbens, des Todes, der ja nun einmal das absolute, durch keine Erlebnismanipulation oder -suggestion zu umgehende endgültige Ende allen Erlebens darstellt? Mögen sich auch die Teilnehmer einer solchen Erlebnisgesellschaft, immer früher pensioniert, aber immer länger arbeits- und vergnügungsfähig, 'zu Tode amüsieren', vom Tod selber reden sie nicht, Sterben ist kein Thema. Sterben und Tod (und die Trauer, d.Vf..) werden aus der 'Erlebnisgesellschaft' verdrängt. Sie sind Störfaktoren, die man auszuschalten versucht.

... Nur unter einem Gesichtspunkt hat das Sterben das intensive Interesse der Erlebnisgesellschaft zu erwecken vermocht. Wen wundert es: das Sterben selber als Erlebnis, die Erlebnisse solcher Menschen, die gestorben sind und die man doch aus dem Sterben wieder zurückgeholt hat. Was für ein Erlebnis? " /13/

Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil POSTMAN analysiert als die Ursachen einer solchen Auffassung von Moderne: " Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre ... Angelegenheiten zur Variete-Nummer herunterkommen, dann ist ... Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung. " /14/

Diese so bissig beschriebenen Entwicklungen sind bedrohlich, sie sind völlig in den gegenwärtig erreichten Entwicklungsstand der Marktwirtschaft eingebunden, sie haben in deren Mechanismus ihre tiefsten Ursachen, sie scheinen deshalb unumkehrbar zu sein. Auch POSTMAN kommt nur zu Lösungen, die er selbst entweder als " unsinnige " oder als " verzweifelte Antwort " bezeichnet. /15/

So drängt sich angesichts der hier zu bedenkenden Zusammenhänge die Frage auf, ob, und wenn ja, wie zu einem zeitgemäßen menschenwürdigen Umgang mit dem Sterben und dem Tod zurückgefunden werden kann und wie ein den Menschen hilfreiches Trauerverhalten auszubilden ist. Diese Fragestellungen und die Suche nach Antworten werden vertieft und komplizierter, weil ja neben diesen Erscheinungsformen einer sich 'modern' nennenden Gesellschaft noch andere Faktoren wirken. Auch ihnen ist nachzugehen.

II.

Während der letzten Jahrzehnte hat in allen hoch entwickelten Ländern der Erde die Medizin einen gewaltigen Entwicklungsschub erlebt.

Die Möglichkeiten, Krankheiten vorzubeugen, die der Lebensverlängerung, der Lebensrettung bei schwersten Defekten und Erkrankungen sind, für Laien nicht mehr überschaubar, angewachsen. Unzählige Menschen, zumindest dieser Länder, haben dadurch an Lebensqualität gewonnen. Zugleich wird aber auch die innere Widersprüchlichkeit dieser Entwicklungen stärker spür- und sichtbar. Kritisch wird zu fragen begonnen, ob die moderne Medizin auch tatsächlich alles tun darf, wozu sie in der Lage ist. Lebenserhaltung, Lebensverlängerung um jeden Preis, ausschließlich auf den Erhalt physiologischer Funktionen bei gleichzeitigem Verlust an Eigenverantwortlichkeit, Entscheidungsfreiheit und Selbständigkeit des Handelns, also der selbstbestimmten Menschenwürde gerichtet, werden zunehmend und mit Nachdruck hinterfragt. Daraus erwachsende Ängste werden auch von Medizinern als berechtigt anerkannt, " die Defizite sind vorhanden. " /16/

Eine interdisziplinär geführte Auseinandersetzung richtet sich sowohl auf die passive und bzw. oder aktive Sterbehilfe als auch auf Anerkennung von Patientenverfügungen, auch Patiententestamente genannt. Damit zusammenhängende juristische Fragestellungen werden hierzulande, in den europäischen Staaten wie auch im außereuropäischen Raum mit sehr unterschiedlicher Akzentuierung erörtert, teilweise auch zu lösen begonnen. In jedem Falle beeinflussen diese vielschichtigen Erörterungen, Meinungsverschiedenheiten, auch Entscheidungen sowohl das gesellschaftliche wie auch das individuelle Verhältnis zu Sterben und Tod, daraus folgen Wirkungen auf das Verständnis von, auf den Umgang mit der Trauer. Sie müssen in diesen hier zu bedenkenden Zusammenhängen vernachlässigt werden.

Ein anderer Gesichtspunkt gewinnt hingegen an Bedeutung. Wiederholt ver- weisen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen darauf, daß die inhumane Behandlung von Sterbenden nicht mit künstlicher Verlängerung des Lebens, auch nicht mit dem Verweigern lebenswichtiger Stoffe beginnt. Inhumane Behandlung Sterbender beginnt hingegen da, wo dem Kranken - vielleicht viele Monate vor der eigentlichen Sterbestunde - die innere Gemeinschaft entzogen wird. /17/ Sie besteht in der Regel zwischen den nahen Angehörigen, auch den Freunden und dem Sterbenden. Sie könnten einem vertrauten, nahen Menschen in seiner beschwerlichen letzten Lebensphase ein Stück Lebenshilfe leisten, ihm das Sterben zu erleichtern versuchen. Mit einer solchen helfenden Begleitung begänne zugleich ihre innere Ablösung vom Sterbenden, ein wichtiges Stück der von ihnen zu leistenden Trauerarbeit.

Andererseits kann die nicht erbrachte Begleitung auf dem letzten Lebensabschnitt dazu beitragen, eine bereits vorhandene weil gesellschaftlich bestimmte Verdrängung von Trauer zu befestigen. Denn, " im Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: im Unterbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt ". Diesen Ausspruch wage die psychoanalytische Schule, faßte Sigmund FREUD zusammen. Als Grundlage dieser Erkenntnis sieht er eine " Störung des bisher von uns festgehaltenen Verhältnisses zum Tode. Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. " Es " hat aber eine starke Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse ... Die Neigung, den Tod aus der Lebensrechnung auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Ausschließungen im Gefolge. " /18/ Mit diesen Beobachtungen beeinflußte FREUD die Grundlagen für jene Inhalte, nach denen die zeitgenössische Psychologie zu leistende Trauerarbeit beschreibt und sie helfend begleitet.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine kaum noch überschaubare Fülle von Literatur zu diesem Thema erschienen. Darunter finden sich viele in ihrer Weltsicht sehr unterschiedlich bestimmte Erfahrungsberichte darüber, wie Sterben und Tod von Angehörigen und Freunden Sterbender erlebt, wie die Trauer empfunden und wie sie bewältigt wurde. Mitunter hat der Leser jenen Eindruck, den Peter NOLL als " eine spezielle literarische Ausdrucksform unserer Wohlstandsgesellschaft " bezeichnet. /19/ Manche sollten jedoch von uns Freigeistern ernsthaft zur Kenntnis genommen werden, weil sie, stellvertretend für alle jene, die sich nicht so öffentlich darstellen können, deren Erleben des Sterbens, des Todes und des Umgangs mit der Trauer Ausdruck verleihen. Zudem sind die kulturhistorischen, die philosophisch bestimmten sowie die sich wissenschaftlicher Arbeitsmethoden bedienenden psychologischen Arbeiten unverzichtbar.


Zeitgenössische Psychologen, unabhängig von den verschiedenen 'Schulen', verstehen Trauer nicht als " Krankheit ", sondern als " eine angemessene Reaktion auf einen erlittenen Verlust. ...Sie ist notwendig und lebenserhaltend. " /20/ " Der Trauerprozeß muß aktiv durchlebt werden. " /21/ 'Normal' erlebte und geleistete Trauerarbeit sollte vier Aufgaben lösen:

* Der erlittene Verlust eines geliebten Menschen muß akzeptiert werden.

* Damit verbundener seelischer, mitunter auch körperlicher Schmerz muß akzeptiert und durchlitten werden.

* Ohne den verlorenen vertraut gewesenen Menschen müssen neue Lebensziele gefunden und zu verwirklichen versucht werden.

* Trauernde müssen sich wieder für andere Menschen öffnen.

Kann eine dieser Aufgaben nicht gelöst werden, sprechen Psychologen von einer " krankhaften Trauerverarbeitung ". /22/

Yorick SPIEGEL hat in seiner Analyse erfolgreicher Trauerarbeit vier Phasen erkannt, die von Trauernden durchlebt werden und die individuell unterschiedliche Zeitspannen umfassen. In der psychologischen Literatur fällt auf, daß in der Regel zwar diese Einteilung beibehalten, daß sie jedoch inhaltlich wie auch zeitlich verschieden bestimmt wird. /23/

* Die Phase des Schocks

Sie ist charakterisiert durch Verleugnungsmanöver, Fassungslosigkeit mit wenigen emotionalen Äußerungen, sie gehen in Weinen, Schluchzen und Schreien über, Trauernde sind in dieser Phase nur schwer ansprechbar. Sie dauert in der Regel von wenigen Stunden bis zu zwei Tagen.

Mitunter setzen Psychotherapeuten für diese Phase bis zu zwei Monate an, das aber seien Ausnahmen. /24/


* Die kontrollierte Phase

Sie umfaßt nach SPIEGEL den Zeitraum nach der ersten Reaktion auf die Todesnachricht bis zum Abschluß der Beisetzung. In dieser Zeit wirkt die Fülle der zu erledigenden Aufgaben, Umgang mit Behörden u.a.m., dämpfend, kontrollierend auf die aufgewühlten Gefühle. Äußere Aktivitäten fangen den Schock zunächst auf, bringen ihn unter Kontrolle.

Andere Psychologen sehen die zweite Phase als die der aufbrechenden Gefühle; tiefe Verzweiflung, Angst und Hilflosigkeit, der Einsamkeit, auch der Schuld dem Verstorbenen gegenüber, auch die der Wut auf sich oder auf den verstorbenen Partner wechseln einander ab. Gleichzeitig geht diese Phase mit körperlichen Begleiterscheinungen wie Appetitverlust, Freßanfällen, auch mit Durchfällen etc., mit Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit, Merkfähigkeits- und Konzentrationsstörungen einher. Sie kann bis zu zwei Jahre anhalten, kann u.U. auch noch länger dauern, so lange, bis der Betroffene den Verlust durch Tod akzeptieren gelernt hat. /24/ Die Verdrängungswirkungen durch die mit der Vorbereitung der Beisetzung verbundenen Geschäftigkeit werden so offensichtlich nur als eine mögliche Unterbrechung verstanden. Dieses Verständnis vom Inhalt der 2. Phase korrespondiert inhaltlich mehr mit der 3. Phase im Verständnis von SPIEGEL. Er nennt sie

* Die regressive Phase

Sie gilt ihm als die am meisten kritische Phase des Trauerns, er setzt ihre Dauer auf etwa vier bis acht Wochen an. In dieser Zeit findet ein Rückzug auf sich selbst statt, es wird auf die normalen sozialen Beziehungen und Belastungen weitgehend verzichtet bzw. sie werden auf das unerläßliche Minimum reduziert. Es entsteht ein Bedürfnis nach Schonung. Zwei einander entgegengesetzte Tendenzen des Fühlens und Wollens können entstehen. Einmal ist bei Trauernden das Bedürfnis mit zu sterben festzustellen, es kann sich in verschiedenen Symptomen äußern, z.B. Apathie, Appetitlosigkeit, Anfälligkeit für Erkrankungen u.a.m. Die Sterblichkeitsrate bei Trauernden soll in dieser Phase erstaunlich hoch sein. Andererseits kann auch ein starker Wille zum Überleben, zur Bewältigung beobachtet werden. In der Regel läßt in dieser Phase bei Verwandten und Freunden die zunächst intensiv gezeigte Bereitschaft, helfen zu wollen, nach. Daraus resultiert oftmals ein Gefühl, allein gelassen zu werden, das kann den Trauerschmerz erheblich verstärken.

Andere Psychologen, Psychotherapeuten bezeichnen diese dritte Phase als die der beginnenden Neuorientierung. Trauernde finden sich allmählich mit dem Verlust ab, sie beginnen, alte Aktivitäten wieder aufzunehmen oder sich neu zu orientieren. Die Erinnerungen an den verstorbenen Angehörigen schmerzen nicht mehr so vordergründig. Es entsteht ein neues Selbstwertgefühl.

* Die adaptive Phase

nennt SPIEGEL die vierte Trauerphase. Sie ist seiner Meinung nach durch jene Inhalte gekennzeichnet, die andere Autoren der dritten zuordnen. Der Trauernde beginnt also allmählich, sich vom Toten zu befreien, ohne sich damit von der Erinnerung an ihn, ohne sich von ihm zu lösen. Dadurch kann er sein psychisches Gleichgewicht zurückgewinnen, kann ein neues Lebensgefühl entwickeln. Neue Sozialbeziehungen werden aufgebaut. Sie ist nach etwa einem Jahr abgeschlossen.

Andere Psychologen beschreiben diese vierte Phase als die des Abschlusses der Trauerarbeit, soweit sie überhaupt abzuschließen ist, denn eine Erinnerung bleibt stets. Sie kann, je nach Verlauf der vorhergehenden Zeitspannen unter Umständen auch erst nach mehreren Jahren erlebt werden.

Dieser Vergleich zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis der vier Phasen. Die Vertreter der hier andeutungsweise beschriebenen wie auch die der nicht benannten Lehrmeinungen werden und müssen die wissenschaftliche Auseinandersetzung führen. Im Zusammenhang mit dem hier begonnenen 'Nach- denken über Trauer' haben die erkennbaren Gemeinsamkeiten in den Auffassungen Bedeutung.

Alle Autoren haben beobachtet,

' daß Menschen beim überraschenden Empfang der Nachricht vom plötzlichen Tod eines nahe stehenden Menschen oftmals einen zunächst Verdrängung, dann tiefe Betroffenheit ausdrückenden Schock erleiden, entsprechende Reaktionen zeigen,

* daß die mit der Bestattung des Verstorbenen zusammenhängenden Geschäftigkeiten das schmerzhafte Erleben von Trauer scheinbar völlig, zumindest aber zeitlich begrenzt verdrängen können,

* daß die aktive psychische Verarbeitung des Verlustes mit allen ihren psychischen und physischen Erscheinungsformen erst danach einsetzt, daß in dieser Phase die Hilfestellung besonders nötig ist, daß sie in der Regel aber unzureichend oder gar nicht geleistet wird.

Es drängen sich viele Fragen auf, Nachdenken darüber kann Aufgaben erkennbar machen, denen sich Freigeister, und nicht nur sie, stellen sollten. Einige sollen komplex aufgeworfen und erörtert werden.

III.

Überraschend, völlig unerwartet tritt der Tod in der Regel nicht ein. Eine große Mehrheit stirbt an altersbedingter Erkrankung oder weil in höherem bis hohem Alter die Lebenskraft aufgebraucht ist. In der Bundesrepublik waren 1990 mehr als 78 % aller Verstorbenen älter als 65 Jahre. /26/ Eine weitere in ihrem tödlichen Ausgang überschaubare Ursache sind die unheilbaren Krankheiten, sie können in jedem Lebensalter, auch in dem von Kindern auftreten. So sollen von jährlich etwa 300.000 bis 350.000 diagnostizierten Krebserkrankungen etwa 200.000 tödlich enden. /27/


In allen diesen Fällen trifft eine Todesnachricht kaum überraschend ein. Das trifft hingegen zu für die verhältnismäßig selteneren Fälle plötzlicher Erkrankung mit tödlichem Ausgang oder für den Tod durch Unfall oder als Folge eines Verbrechens. In der Regel können sich Angehörige durchaus auf das bevorstehende Ableben einstellen. Sie müssen allerdings um den zu erwartenden Tod wissen oder er muß ihnen bewußt gemacht werden. Zugleich müssen sie wissen oder sie müssen es erfahren, daß humaner Umgang mit Sterbenden nicht nur Aufgabe der Mediziner ist, sondern daß er in dieser Lebensphase dadurch bestimmt wird, " die innere Gemeinschaft " /28/ der Angehörigen mit dem Sterbenden zu erhalten und sie zu intensivieren. Sie bedürfen bis zum letzten Atemzug der helfenden Begleitung, der liebevollen Zuwendung, auch dann noch, wenn sie bereits in der Agonie liegen und scheinbar nichts mehr wahrnehmen können. Angehörigen eröffnet sich hiermit die Möglichkeit, dem zu erwartenden Verlust eines geliebten Menschen noch zu dessen Lebzeiten trauernd zu begegnen, sich allmählich darauf einzustellen und Trauerreaktionen, die für die erste Phase des Trauerns als typisch beschrieben werden, bereits in einer vom Sterben bestimmten Phase in Aktivitäten zu durchleben. Ein solches Vorgehen erfordert, daß Angehörige dazu bereit sind oder daß ihre Bereitschaft dafür geweckt werden kann, auch, daß sie die dafür benötigte Zeit und viel Kraft aufbringen können. Letzteres erscheint angesichts des gegenwärtig primär auf Verdrängung ausgerichteten allgemeinen Umgangs mit Sterben und Tod sowie mit der Trauer in der Regel als sehr unwahrscheinlich.


Ein solches Vorgehen fordert zudem unerläßliche materielle Voraussetzungen, beispielsweise Einzelzimmer für Sterbende und die sie begleitenden Angehörigen in Krankenhäusern, vielleicht spezielle Stationen für Palliative Medizin oder sogar besondere Kliniken. Am besten und auf längere Sicht vermutlich auch am häufigsten kann mit dem Sterben und dem Tod sicher in der gewohnten häuslichen Umgebung des Sterbenden umgegangen werden. Unerläßlich ist in jedem Falle die Bereitschaft behandelnder, betreuender Ärzte, mit den betroffenen Angehörigen in einer geeigneten einfühlsamen Weise und offen über den in Kürze eintretenden Tod zu sprechen, ihnen auch bei der so beginnenden Trauerarbeit beratend, helfend zur Seite zu stehen.

Darüber wird seit Jahren bei wachsender Teilnahme und zunehmender Zustimmung gesprochen, beraten, dennoch steht die Auseinandersetzung erst am Anfang. Neben dem Hinweis auf die oftmals fehlenden materiellen Voraussetzungen werden medizinische, medizinethische und juristische Fragen aufgeworfen. Andererseits wird einem solchen Verständnis von Sterben und Trauer folgend in der Praxis bereits gehandelt.

Beispielhaft ist das Wirken der Hospiz-Bewegung oder der ihr geistig nahe stehenden, auf Bremen beschränkten Vereinigung PRO SENECTUTE. Die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely SAUNDERS hat 1967 begonnen, ein von ihr entwickeltes Konzept der Zuwendung für Menschen in der letzten Lebensphase umzusetzen. Hospize sind vor allem ambulant arbeitend angelegt, es geht vorrangig darum, die Wünsche sterbender Menschen und ihrer Angehörigen zu erfüllen.

Die Rundfunkjournalistin Carmen THOMAS hat zwischen 1976 und 1994 in der vom Westdeutschen Rundfunk verantworteten Sendereihe 'Hallo-Ü-Wagen' mehr als dreißig Sendungen darüber produziert. In ihrem darauf basierenden 1994 erschienenen Buch läßt sie Hörerinnen und Hörer auch zu diesen Fragen zu Wort kommen.

Eine Tochter hat ihre 89jährige Mutter beim Sterben begleitet. Sie berichtet unter anderem: " Ich habe in den folgenden 10 oder 15 Nächten regelmäßig einige Stunden lang in dem dunklen Zimmer am Bett meiner Mutter gesessen, ihre Hand gehalten und ihr die Lieder gesungen, die sie mir sang, als ich ein Kind war. Ich weiß nicht, ob sie das gehört hat, aber es ging uns gut dabei. Im Haus nahm niemand Anstoß an meinen nächtlichen Besuchen. ... Am 5. Juli 1990 morgens um 10 Uhr rief man mich. Ich möge schnell kommen. Meine Mutter lebte noch. Ich sang ihr das Marienlied, das sie früher am liebsten gesungen hatte. Unterdessen starb sie. ... Die Art und Weise, wie " man " mit dem Sterben und dem Tod meiner Mutter umging, wie man mir Zeit ließ, in der Stille der Nächte mit meiner Mutter ins Reine zu kommen und ihr am Ende ihres Lebens Dienste zu erweisen - hat mir für den Rest meines eigenen Lebens den Frieden mit meiner Mutter geschenkt. Dafür bin ich sehr dankbar. /29/

Nach dem vom Arzt bestätigten Tod eines Menschen setzt eine notwendige Geschäftigkeit ein. Üblicherweise wird der Leichnam sehr schnell von einem Bestattungsinstitut übernommen und für die Beisetzung vorbereitet. Das gehört im gegenwärtigen Verständnis ebenso zu den Aufgaben der Institute wie die Erledigung aller mit Behördengängen zusammenhängenden Besorgungen. Der die Erregung dämpfende Effekt der kontrollierten Phase wird aber allein dadurch schon erheblich relativiert, die Hinterbliebenen haben doch erheblich mehr Zeit als in der Literatur angenommen wird und sie sind recht ungeschützt den Trauerreaktionen ausgesetzt. Das könnte ganz anders sein, wenn sie zumindest eine gewisse Zeit mit dem soeben Verstorbenen weiteren Umgang haben, sie könnten den erlittenen Verlust im besten Wortsinn 'begreifen'. - Eine Tochter versorgte den Leichnam ihrer verstorbenen Mutter selbst, sie wusch und kleidete sie um.

" Bei dieser ganzen 'Prozedur' habe ich mit meiner Mutter gesprochen. Geweint habe ich eigentlich gar nicht mehr. Als meine Mutter später im Sarg eingebettet lag, nahmen wir alle Abschied. Doch ich brauchte das eigentlich gar nicht mehr, denn ich hatte die ganze Zeit über den Abschied von meiner Mutter 'erlebt' und dabei auch empfunden, daß das meine Mutter gar nicht mehr war. Ich hätte mir früher nie vorstellen können, daß so ein Erlebnis auch positiv sein kann. ... Trotz der sehr großen Trauer ... " war der Umgang mit der Toten ein positives Erlebnis. " /30/

Ein solcher Umgang mit einem eben verstorbenen Angehörigen, die liebevolle, mit Abschiednahme verbundene Versorgung von Toten war in den früheren Großfamilien Brauch und - das ist als moralische Kategorie gemeint - Sitte. Gegenwärtig ist diese Handlungs- und Verhaltensweise die Ausnahme. Carmen THOMAS läßt an mehreren Stellen ihres Buches, stets gestützt auf Erlebnisberichte, die hilfreiche Wirkung dieses Umgangs mit Verstorbenen anklingen. Unter anderem macht sie auch aufmerksam, daß im Raum Köln Anfang der neunziger Jahre die Genossenschaft BEGLEITUNG entstand. Neben einem eigenen Bestattungsdienst bildete sie einen zweiten Unternehmensbereich, benannt 'Trauerarbeit und Sterbebegleitung'. Hier ist u.a. eine Diplompsychologin tätig, die jene Menschen begleitet, die zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung sterben wollen. Sie bereitet daneben weitere Mitglieder auf dieses begleitende Tun vor. Das Konzept sieht vor, Angehörigen von Sterbenden und Verstorbenen Anregungen und praktische Hilfen zu geben, sie sollen befähigt werden, ihre Sterbenden so zu begleiten, daß zugleich die eigene innere Ablösung einsetzen kann. Dieser psychische Prozeß wird dadurch beeinflußt, daß die Angehörigen ein jeweils von ihnen gewünschtes Maß an Dienstleistungen für den eben Verstorbenen über- nehmen.

Die Genossenschaft BEGLEITUNG berichtet u.a., " ... wir ermutigen die Hinterbliebenen, daß aus dem Kreis der Angehörigen jemand spricht. ... Auch ganz persönliche Dinge des Verstorbenen, die ihm lieb und wert waren ... " werden zur Beisetzung mitgebracht. "

Dann möchten wir unterstützen, daß die Angehörigen selbst das Grab zuschaufeln oder wenigstens dabei zugucken. ... Wir leiten die Menschen auch an, sich selbst noch mit der Leiche zu befassen und z.B. die Leiche länger zu Hause zu behalten. Wir haben mehrere zu Hausaufbahrungen, ermuntert. Dies hat dann meist dazu geführt, daß der Trauerprozeß ganz anders angelaufen ist. Die Leute haben dann gesagt, daß sie ein völlig anderes Verhältnis zu diesem Verstorbenen gewonnen haben und eigenartigerweise auch zum Tod an sich. Es kann also als ein herausforderndes, aber letztlich auch heilendes Ereignis empfunden werden, wenn man einen Angehörigen zu Hause verabschiedet. Das ist ja inzwischen bei uns fast unbekannt, daß man Tote berühren kann und auch soll. " /31/

Ein solcher Umgang mit Sterben, Tod und Trauer, träte er als eine stetig wachsende Forderung von Menschen auf, muß auf die mehrere tausend Bestatter des Landes als eine Herausforderung wirken, der sie sich möglicherweise in ihrer gegenwärtigen Situation kaum stellen könnten.

Die Bestatter sind, und hier kann nur in einer Verallgemeinerung gedacht werden, die Einzelfälle vernachlässigen muß, offenbar sehr stark mit dem ihnen zugewiesenen Image und seiner Veränderung befaßt. Darauf deutet zumindest eine zu Beginn der neunziger Jahre veröffentlichte Dissertationsschrift hin, die Gisela SCHILLER beim Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes veröffentlichte. /32/ Sie stellt fest: " So bewegt sich der Bestatter ständig in einer Randzone der Gesellschaft, die für ihn die gewerbliche Existenz darstellt. " Für das Bestattungsgewerbe sei es " typisch, daß seine Vertreter ihren wirklichen Beruf verleugnen. " /33/ Das Korsett gesellschaftlicher Vorstellungen von einem Bestatter zeichnet das Bild eines Gewerbetreibenden, " der zuviel geschäftstüchtiges Gebaren an den Tag legt und der nur als eine Art ' Leichenentsorger ' präsentiert wird. " Nur durch gründliche Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverbandes über den " sozialethischen Auftrag " dieses Berufes könne das Ansehen verbessert werden. /34/ Angehörige erwarten " vom Bestatter Zuwendung und Hilfe und wissen sehr gut, einen Schein von Mitmenschlichkeit von geheucheltem Mitgefühl zu unterscheiden. Für diesen zwischenmenschlichen Bereich jedoch fehlt dem Bestatter jede Qualifikation: Er kann sich nur auf seine Menschenkenntnis und sein eigenes Taktgefühl verlassen. Bei seinen Begegnungen mit den Hinterbliebenen stellt der Bestatter immer wieder fest, daß diese von der Gesellschaft allein gelassen werden. " /35/ Für diese Untersuchungsergebnisse tritt Gisela SCHILLER in vielfältiger Weise den Beweis an. Der zeigt aber auch, daß sich unter den Bestattern offenbar nicht wenige finden ließen, die sich möglicherweise für ein Umdenken hinsichtlich einer inhaltlichen Neubestimmung ihres Dienstleistungsangebotes bereit fänden und die beispielsweise ein aus den Niederlanden bekannt gewordenes Beispiel zur Grundlage eigenen Bedenkens und neu bestimmten Handelns nehmen könnten und würden.


" Der niederländische Bestatter Adrianus Verwaart bietet in De Meern Begräbnisse an, bei denen Hinterbliebene alles, vom Einsargen bis zum Schließen des Grabes, in die eigenen Hände nehmen können. Gegen eine Gebühr berät er nur noch, wie z.B. der/die Tote einige Tage zu Hause aufgebahrt werden kann, und er hilft, die Formalitäten zu erledigen. Auf ausdrücklichen Wunsch übernimmt er aber auch andere Teile der Beisetzung. Er will es auf diese Weise den Angehörigen ermöglichen, ohne Hast und ungezwungen Abschied vom Verstorbenen nehmen zu können. " /36/


Nachdenken über Trauer als Voraussetzung für Pflege der Trauer, also für Trauerkultur war die erklärte Absicht. Als Ergebnis dieses Bedenkens kann bestenfalls die Richtung angedeutet werden, in die die Entwicklung des Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer gehen könnte.

Es wäre eine zeitgemäße Richtung, denn die Rückkehr zu den früheren Verhältnissen des Zusammenlebens der Menschen ist nicht möglich. Nötig aber ist es, endlich wieder Menschlichkeit in ihrem besten Wortsinn in den Umgang mit dem Ende eines jeden individuellen Lebens einziehen zu lassen.

IV.

Eine Nachbemerkung ist angebracht:

Es wurde bedacht, wie Hinterbliebene, Familienangehörige wie auch Freunde eines Sterbenden oder Verstorbenen, unter den Bedingungen einer sich modern nennenden Gesellschaft ihre Trauer verarbeiten können. Muß nicht auch nachgedacht und nachgefragt werden, wie denn die Sterbenden, also die alten Menschen, die spüren, daß sich ihr Lebensende nähert, wie die älteren oder auch jüngeren Kranken, die um den tödlichen Ausgang ihres Leidens wissen oder die sich diesem Wissen nähern, damit umgehen? Sie verlieren Unwiederbringliches, sie verlieren ihr Leben und das müssen sie verarbeiten, akzeptieren. Sollte und könnte die von Angehörigen zu leistende Trauerarbeit, wie sie oben angedeutet wurde, vielleicht auch mit Blick auf die Sterbenden, auf deren Gefühle, deren Nachdenken bedacht, geleistet werden?

Elisabeth KÜBLER-ROSS beschreibt in ihren 'Interviews mit Sterbenden' die Reaktionen von mehr als 200 Patienten, mit denen sie auf Kenntnis von der Bösartigkeit ihrer Erkrankung und deren infauster Prognose antworteten, wie sie mit der Wahrheit über den weiteren Verlauf ihres Leidens umgingen. Sie versuchte, diese Äußerungen inhaltlich zu analysieren, sie zu vergleichen, Gemeinsamkeiten festzustellen und sie von Besonderheiten zu trennen. So entwickelte sie als ihre Erkenntnishilfe ihre Theorie von den Phasen, die Sterbende angesichts ihres bevorstehenden Todes durchlaufen. Sie benennt

* Nichtwahrhabenwollen und Isolierung

* Zorn

* Verhandeln

* Depression

* Zustimmung. /37/

Sie bezeichnet diese Phasen als " Verteidigungsmechanismen im psychiatrischen Sinn, Mechanismen zur Bewältigung extrem schwieriger Situationen. Sie alle wirken unterschiedlich lange Perioden hindurch, lösen einander oft ab, existieren aber auch nebeneinander. In jeder Phase vorhanden ist fast immer die Hoffnung. " /38/ Es drängt sich einmal ein Vergleich zu den bereits benannten Perioden der Trauer auf. /39/ Zum anderen bietet diese Beobachtung Denkanstöße, die der Suche nach Antworten auf diese neue Fragestellung dienen können.

In den von Carmen THOMAS veröffentlichen Erlebnisberichten von Angehörigen, die ihre Sterbenden zum Lebensende begleiteten, schwingt eigentlich dieses Bedenken bereits mit. Die zitierte Bemerkung einer Tochter, die über 10 bis 15 Nächte ihrer Mutter Lieder aus der Kindheit sang und dabei ihre Hand hielt: " Ich weiß nicht, ob sie das gehört hat, aber es ging uns gut dabei." /40/ drückt das aus.

Die deutschsprachige wie auch die Weltliteratur bieten viele berührende Beispiele, sie sollten unter dem Gesichtspunkt der hier angedeuteten Fragestellung zur Kenntnis genommen werden.

Einen bewegenden Versuch, sich mit dem bewußt ins Auge gefaßten Ende auseinandersetzen zu wollen, sind die 'Diktate über Sterben & Tod' des schweizerischen Professors für Strafrecht, eines philosophierenden Juristen und Schriftstellers, Peter NOLL. Nicht nur vom Sterben und vom Tod handeln sie, sie berühren alles, was ihm im Leben wichtig war. /41/ So finden sich in diesem Buch zahlreiche persönliche Anmerkungen, die helfen können, sich der hier aufgeworfenen Fragestellung ein wenig zu nähern. Sie bestätigen zugleich jene von Sigmund FREUD hinterlassene Mahnung: " Si vis vitam, para mortem " (Wenn du das Leben aushalten - gestalten, d.Vf. - willst, richte dich auf den Tod ein). /42/


Anmerkungen

/ 1/ Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1969, S. 9

/ 2/ Der Begriff Religion und jeder Bezug darauf wird in der nicht mehr überschaubaren Literatur sehr unterschiedlich bestimmt. Vereinzelt wird er auch von der Freigeistigen Gemeinschaft als Religionsgemeinschaft verwendet. Darüber läßt sich trefflich streiten, und ohne Ende. Hier soll die Formulierung 'Menschen ohne religiöse Bindung' darauf verweisen, daß für sie ein irgendwie zu glaubender Gott als Schöpfer nicht geglaubt oder gedacht werden kann, auch nicht Gott als Erhalter, daß sie demzufolge auch keiner solchen Glauben pflegenden Gemeinschaft, Kirche o.ä. angehören. Unabhängig von dieser Ablehnung ausdrückenden Grundhaltung Atheismus können und wollen sie durchaus mit religiös bestimmten Menschen und Vereinigungen zusammenleben und gemeinsame Arbeit zum Wohle aller Menschen leisten.

/ 3/ Hannes Stubbe, Formen der Trauer. Eine kulturanthropologische Untersuchung, Berlin 1985 (Dietrich Reimer Verlag), S. 322

/ 4/ a.a.O., S. 13

/ 5/ a.a.O., S. 209 ff.

/ 6/ a.a.O., S. 322 ff.

/ 7/ Elisabeth Kübler-Ross, Der Tod in der westlichen Gesellschaft (Originaltitel: Death in Western Society), Vortrag in Stresa /-Italien, 1984, bei: Pharos International, Kent 51 (1985), 2, S. 69 ff., (zitiert nach leicht gekürzter Arbeitsübersetzung, S. 1).

/ 8/ Elisabeth Kübler-Ross, Interviews mit Sterbenden, Stuttgart - Berlin 1971 (Kreuz-Verlag) S. 12 ff.

/ 9/ Alexander und Margarete Mitscherlich, S. 9

/10/ Hannes Stubbe, S. 208

/11/ Philippe Aries, Geschichte des Todes, München 1989 (dtv), S. 716

/12/ a.a.O., S. 740

/13/ Hans Küng, Menschenwürdig sterben, in: Walter Jens, Hans Küng, Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung, München - Zürich 1995 (Piper), S. 20 ff.

Der Autor bezieht sich u.a. auf G. Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt 1993; es sind Bezüge zu den Seiten 542 und 543 hergestellt.

/14/ Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) 1994, S. 190

/15/ a.a.O., S. 196 ff.

/16/ Dietrich Niethammer, Menschenwürdig sterben aus der Sicht eines Arztes, in: Walter Jens, Hans Küng, Menschenwürdig sterben, S. 143

/17/ ebenda. Dietrich Niethammer bezieht sich hier auf den Theologen Robert Leuenberger, Der Tod. Schicksal und Aufgabe, Zürich 1973.

/18/ Sigmund Freud, Zeitgemäßes über Krieg und Tod, in: Sigmund Freud, Psychoanalyse Ausgewählte Schriften, Leipzig (Reclam) 1990,S.381 ff.

/19/ Peter Noll, Diktate über Sterben & Tod. Mit einer Totenrede von Max Frisch, München 1993 (Serie Piper), S. 240 ff.

/20/ Doris Wolf, Einen geliebten Menschen verlieren. Vom schmerzhaften Umgang mit der Trauer, Mannheim 1991, S. 26

/21/ a.a.O., S. 25

/22/ a.a.O., S. 27

/23/ Yorick Spiegel, Der Prozeß des Trauerns. Analyse und Beratung, München 1977, S. 56 ff., zitiert nach Reinhold Bärenz, Die Trauernden trösten, München 1983, S. 40 ff Spiegel benennt acht im Trauerprozeß zu leistende Aufgaben, sie sind inhaltlich mit den unter Verweis auf Doris Wolf genannten vier Aufgaben weitestgehend identisch (siehe unter /20/)

/24/ Doris Wolf, S. 20 ff. Nachfolgend werden ihre Auffassungen denen von Yorick Spiegel gegenübergestellt. Doris Wolf wurde ausgewählt, weil sie in ihrem Buch u.a. nachweist, daß sie mit einer ganzen Reihe namentlich benannter und ausgewiesener Psychotherapeuten zusammenarbeitet und daß sie gleicher Auffassung sind.

/25/ Doris Wolf, S. 21

/26/ Staatliche Bundesanstalt für Statistik (StBA) Statistisches Jahrbuch 1992, S. 82 und 83

/27/ Die Tageszeitung Neues Deutschland (Berlin) veröffentlichte entsprechen de Daten in ihrer Ausgabe vom 27./28. April 1996, S. 16

/28/ Dietrich Niehammer, S. 139

/29/ Carmen Thomas, Berührungsängste? Vom Umgang mit der Leiche, Köln 1994 (vgs), S. 132 ff.

/30/ a.a.O., S. 124 ff.

/31/ a.a.O., S. 162 ff.

/32/ Gisela Schiller, Der organisierte Tod. Beobachtungen zum modernen

Bestattungswesen (Dissertationsschrift), Düsseldorf o.J., (Tag der Promotion: 8. Februar 1991)

/33/ a.a.O., S. 101

/34/ a.a.O., S. 102 ff

/35/ a.a.O., S. 108

/36/ Carmen Thomas, S. 166

/37/ Elisabeth Kübler-Ross, S. 41 bis 119

/38/ a.a.O., S. 120

/39/ siehe Seite 9 ff

/40/ Carmen Thomas, S. 132

/41/ Peter Noll, Zu diesem Buch (Vorsatzblatt)

/42/ Sigmund Freud, S. 393

 
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