Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V.
Montag, 8. September 2008
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Unser Name - unser Anspruch von Dr. Andrea Richau Drucken
Vortrag auf dem Seminar des Fachverbandes für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur - Burg, 28.05.-30.05.1999
Beschäftigt haben wir uns als Fachverband schon oft und auch schon oft intensiv mit dem Begriff und dem Anspruch weltlicher Bestattungs- und Trauerkultur. In allen Dokumenten und Diskussionen wird das Ringen des Fachverbandes um Verständigung, aber auch um Positionierung deutlich.
Unser Anliegen postuliert sich dabei vor allem als Anspruch - der gemeinsamen Diskussionen aller an der Bestattung und der Trauerbegleitung Mitwirkender, - der stärkeren Einflußnahme auf die Trauerfeiergestaltung, insbesondere auf die ausgewogene kulturvolle Verbindung von Text, Musik, Ambiente, - der professionellen Ausbildung insbesondere von Rednern, - der professionellen Weiterbildung von allen am Prozeß der Bestattung und der Trauer Beteiligten, - der Stärkung der Rechtssicherheit sowohl von mit der Bestattung und Hinterbliebenenbetreuung Beauftragter wie auch der Trauernden selbst.

Den Namen "Weltliche Bestattungs- und Trauerkultur" haben die Gründungsväter (und Gründungsmütter) bewußt gewählt als Abgrenzung zu allen bisherigen religiös-tradierten Bestattungsarten und -formen und als Bekenntnis der freigeistigen Wurzeln. Doch welche Welt meinen wir eigentlich?
Wir bekennen uns zum Humanismus, zu jenem Bemühen, eine der Menschenwürde und freien Persönlichkeitsentfaltung entsprechende Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft durch Bildung und Erziehung mit zu schaffen und hierfür auch die dafür notwendigen Lebens- und Umweltbedingungen mit zu prägen. Ein hehrer Anspruch - den aber nicht nur wir uns auf die Fahnen geschrieben haben. Im konkreten aber meinen wir doch eigentlich einen konsequenten Atheismus, eine Beförderung nichtreligiöser, nicht-kirchlicher, säkular begründeter geistiger Gebundenheiten. Unser Anliegen ist es, sowohl "Sterben" als auch "Tod" und also auch "Trauer" als Phänomene des Lebens zu begreifen, sie selbst in das Leben und in die alltäglichen Gespräche und Nachdenklichkeiten wieder hereinzuholen, damit die Endlichkeit und Vergänglichkeit menschlichen Leben zu begreifen und nicht die Hoffnung und Selbstverwirklichung in außerirdischen Gebilden, Gestalten, Wesen und dergleichen zu suchen. Nun, die Säkuralisierung in der Gesellschaft schreitet unaufhörlich voran. Doch der Glaube, die Religion - von Marx als "Opium für das Volk" beschrieben - gibt es noch immer, auch an der Schwelle des dritten Jahrtausends unserer Menschheitsgeschichte; und die Religiösität gibt noch immer vielen Menschen Halt und Orientierung in einer Welt, die zusehends von sozialer, gesellschaftlicher und auch politischer Kälte und Ignoranz gezeichnet ist. Drückt sie nicht einen Wunsch aus, in einer (wie auch immer) Gemeinschaft ein Aufgehobensein empfinden zu wollen? Unser weltliches Anliegen muß daher die geistige, nicht die geistliche, Beratung und Begleitung sein zur Stärkung des Ichs für das Sichzurechtfinden in einer "Welt", die für den Betroffenen aus den Fugen zu geraten scheint.. Und diese Beratung und Begleitung muß professionell ausgerichtet werden. Immer stärker werden von den Menschen in ihrem sozialen und beruflichen Wirkungsfeldern psychologische und kommunikative Fähigkeiten und Kompetenzen erwartet, ja verlangt. Doch vor allem in persönlichen Krisensituationen sind gerade die psychologischen und kommunikativen Kompetenzen gestört, zum Teil erheblich gestört. Das Sterben und der Tod eines nahestehenden Menschen verursachen nicht nur gravierende Gefühlsausbrüche als Selbstvorwürfe, Zweifel an allem, an jedem, Wut, Enttäuschung in die Fähigkeiten anderer Professionen (zum Beispiel die medizinischen und geriatrisch-gerontologischen), sondern zu einem beträchtlichen Teil auch Hilf- und Ratlosigkeit in der nun neuen familiären, sozialen Situation. Ein neues Selbstverständnis, eine neue Rolle, ein neuer Status will geortet, gefunden, eingerichtet, ein neues Selbstbild und ein neues Selbstwertgefühl aufgebaut werden. Doch in einer Gesellschaft, die auf Dynamik und Flexibilität setzt, werden Zweifel, Verzweiflung, Suche und Irritationen nicht geduldet. Das Sein des Menschen ist wesentlich reduziert auf sein Funktionieren für die Rentabilität des Kapitals und die Vermehrung der Profitrate. "Wir steigern das Bruttosozialprodukt" heißt, wir produzieren, wir bewegen, und wer dem nicht dient, nicht dienen kann, wer "ausbricht" aus diesem Getriebe - dem wird sein bisheriger Platz hierin geräumt. Trauernde sind kaum leistungsfähig - nicht für sich, nicht für andere. Doch es gilt, den Betroffenen den von vielen doch gewollten Wiedereinstieg in den - neuen - Alltag zu erleichtern, zu ermöglichen. Bislang reduziert sich unsere Arbeit aber zumeist nur auf die unmittelbare Abschiednahme und deren physiologischen Abschluß. Im Blick haben wir zumeist die unmittelbare Trauerfeier, und hierin die Rede.

Geben wir immer ausreichend Acht, daß mehrere verlorene Leben betrauert werden - das des Verstorbenen, das nun in der Gemeinsamkeit erloschene, das nun im Selbst aufgegebene? Wie oft sind wir gefordert, in den, die Trauernden begleitenden Gesprächen Lebensorientierungen aufzuspüren, aufzuzeigen. Die Frage, "wer trauert um wen und warum" ist nicht beantwortet mit der Feststellung, der Sohn trauert um den Vater, die Tochter um die Mutter, die Eltern um das Kind, die Freunde um den Freund - weil sie/er gestorben ist. Zu erkunden ist, wie konkret ist die Lebenslücke geworden, die mit dem Tod entstanden ist? Und wie und womit ist diese Lücke zu kompensieren - nicht zu schließen?

Es gilt, einen neuen Sinnrahmen, eine neue Sinnerfahrung, eine neue Sinngebung zu vermitteln - nicht mit dem vermeintlichen Zeigefinger des in der Welt stehenden Weisen oder Wissenden, sondern behutsam mit den "Werkzeugen" Zuhören, Nachfragen, Wiederholen, und hierbei Entdecktes zu benennen. Menschen sind sinngebende Wesen. Dieses wurde früher und durchaus auch heute noch vor allem in religiöser Sprache ausgedrückt und dementsprechend religiös erlebt - gerade auch in der wandelbaren Form ihrer Ausdrücke. Doch Sinnerfahrung und Sinngebung zu finden ist für einen jeden Menschen wichtig, nicht nur für den religiösen. Sinngebung beinhaltet kognitive und evaluative Prozesse (also erkenntnismäßige und in der Beziehung zur Umwelt ausgewogene sowie bewertete und geschätzte Bindungen und Beziehungen), die sowohl inter- als auch intraaktiv (also personell wie auch personal) stattfinden. Sie beeinflussen entscheidend die Motivation für das Handeln und das psychische Wohlbefinden sowie den Rahmen, der unsere Auffassungen von Menschsein, Leben, Welt und eventuell Kosmos umfaßt. Ein solcher Rahmen widerspiegelt auch die jeweils einzigartige individuelle Lebensgeschichte und doch zugleich auch einen kollektiven Charakter, da er immer auch gemeinsame, mit anderen geteilte Ausgangspunkte für die Weltbetrachtung im Kleinen wie im Großen aufweist. Hierin spiegeln sich Werte, Normen und Auffassungen von Dingen, Tatsachen und Geschehnissen, aber auch vom eigenen Handeln und der eigenen Normgebung sowie daraus resultierend auch der Visionen, der Ideen und Lebensperspektiven. Personen und Sachen erweisen sich als Quellen der Sinngebung. Eine sehr direkte Frage, die uns gerade in den ersten beiden Trauerphasen - in jenen, in denen wir als Bestatter, als Redner, als Musiker, als Floristen (als diejenigen, die den konkreten "Abschied" zu organisieren und auszufüllen haben) unmittelbar den Betroffenen begegnen - unmittelbar gestellt wird, ist: Was (noch) macht das Leben seiner Mühe wert?, Wie nun soll es weitergehen?, War alles umsonst, war das alles gewesen? Die neue Lebenslage der Betroffenen kommt uns daher als Lebenslast, die eine neue Sicht auf das Leben insgesamt erheischt, erfordert. Und diese Dimensionen der Sinngebung und Sinnfindung zu erkennen, ist unsere professionelle Aufgabe - das heißt darauf hinzuwirken, die Gegebenheiten anzuerkennen, die Tatsachen zu akzeptieren, auf Lebensereignisse eine annehmbare Antwort zu finden und anzuerkennen, daß menschliche Wesen aufeinanderangewiesen sind, ohne sich selbst als "Guru" heraus- oder darüberzuheben. Keine kleine Aufgabe, wie mir scheint. Ist es in der Praxis zumeist nicht noch immer so, daß wir nur für den und am Beisetzungstag selbst aktiv sind? Und bewegen wir uns mit unseren Aktionen nicht selbst überwiegend noch immer in überlieferten tradierten Formen der Bestattung - vom Sarg angefangen bis hin zur Feiergestaltung? In Abänderung eines Buchtitels möchte ich sagen: Gute Bestatter, Redner und Trauerbegleiter kommen nicht mehr alle in den Himmel, viele schlechte aber sind noch immer überall auf der Erde und im Geschäft.

Laßt / Lassen Sie mich an dieser Stelle eine Zwischenüberschrift setzen - Roman Herzog, der geschiedene Bundespräsident, sprach sie und entlehnte sie einer Schrift eines litauischen Schriftstellers: "Bestehen wird nur der, der sich verändern kann."

Seit dem Bestehen unseres Fachverbandes hat sich die Welt, auch unsere Arbeitswelt verändert. Wir sind gefordert, uns auf die Veränderungen einzustellen, die Herausforderungen anzunehmen, Ansprüche anzumelden, aber auch, diese umzusetzen. - ein Auszug (aus dem sozio-kulturellen Strukturwandel):
1. Die Erhöhung und die Beschleunigung der Wissens- und ihrer Verwertungsrate löst die bisherige Forderung nach Spezialisierung in den Fachgebieten auf in einen immer stärker werden Anspruch nach Komplexität in der Arbeit. Menschen sind heute in größerem Maße als früher gefordert, die Folgen ihres Tun individuell, persönlich zu bedenken und zu verantworten.
2. Bisherige traditionelle Arbeitszeit- und Beschäftigungsmuster werden vollständig aufgelöst, die privatkapitalistische Gesellschaft strebt nach einer "Öffnung rund um die Uhr" (siehe Kulturkaufhaus Dussmann), doch die "Bürokratie" hält noch immer an den alten Formen der Arbeitsweise und Arbeitszeit fest.
3. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat inzwischen den Charakter einer Massen- und Dauerarbeitslosigkeit angenommen. Menschen werden zunehmend ihrer, von der Gesellschaft immer mehr übertragenen individuellen Verantwortung für die Regelung ihrer finanziellen Für- und Vorsorge beraubt und sozial-kulturell entwurzelt. "Man kann sich nichts mehr leisten!" ist ein oft zu hörender Ausspruch - und im Bestattungsverhalten vieler Menschen spürbar. Der Wunsch nach Bestattung in Gemeinschaftsanlagen, ohne Abschiedsfeier, ohne Grabstein ist nicht nur eine Folge von Auflösungen bisheriger familiärer Zusammenhalte und Zusammenwohnen, sondern auch eine Folge der wachsenden Spannungsfelder zwischen finanziellen Zwängen und steigenden Bestattungspreisen.
4. Mit der Auflösung traditioneller Beschäftigungsverhältnisse und mit der noch immer voranschreitenden Rationalisierung wandeln sich bisherige strukturierte Biografien von Einmal- Ausbildung und Einmal-, höchsten Zweimal-Betriebszugehörigkeiten hin zur sogenannten Patchworkbiografie mit Mehrfachausbildung, deren Nichtanerkennung durch die länderhoheitlichen Zertifizierungsanerkenntnisse und einem zunehmenden Zynismus im Umgang untereinander.
5. Merkmale dieses sozio-kulturellen Strukturwandels erscheinen immer mehr als menschliche Entsolidarisierung und individuelle Vereinsamung. Diese Wandlungen wirken sich auch in unseren Betätigungsfeldern aus, verändern das Bestattungsverhalten von Hinterbleibenden, die Trauerbegleitung durch Freunde und Angehörige, aber auch durch die zunehmende Kommerzialisierung allen gesellschaftlichen Lebens:
- Einerseits nehmen im Westen Deutschlands die nichtreligiösen Feiern, auch Trauerfeiern, zu, andererseits erfahren die religiösen und kirchlich-institutionalisierten Begleitungen in den Abschiedsstunden sozusagen eine Renaissance, insbesondere im bisher als atheistisch deklarierten Osten Deutschlands.
- Das kommerzielle Betätigungsfeld auf dem Gebiet der Bestattung wird zunehmend monopolisiert und versucht, kleine Bestattungsgeschäfte ihrer Existenz und ihrer Existenzgrundlage zu berauben.
- Immer mehr Menschen drängen in das kommerzielle Arbeitsfeld hinein, ohne professionell ausgebildet zu sein.
- Immer mehr Menschen entscheiden sich zu einer Abschiednahme von Verstorbenen, die die bisherigen kulturellen Traditionen ad acta legen.

Der Fachverband selbst ringt seit nunmehr fast 10 Jahren um sein Selbstverständnis und um seinen Einfluß auf die Wahrung, auf die Veränderung und auf eine neue Tradierung sowohl in der Bestattungsbranche als auch auf dem Gebiet der Trauerbegleitung und hat es dennoch bislang bestenfalls geschafft,
respektvolle Achtungszeichen zu setzen.

Das, was die Professionalität unserer Arbeit von uns verlangt, gilt es also, selbst professionell hervorzubringen. Wir müssen uns dabei den Veränderungen in der Gesellschaft bewußt sein - die bestimmt sind nicht nur durch die o. g. Merkmale eines generellen Strukturwandels in der Gesellschaft, sondern auch durch soziale Wandlungen, wie sie einher kommen mit der zunehmenden
a) Singularisierung der Gesellschaft,
b) Feminisierung der Gesellschaft,
c) Hochaltigkeit der Gesellschaft,
d) Entberuflichung der Gesellschaft,
e) Frühverrentung der Gesellschaft und
f) Verbastelung der Biografien

Es zeigt sich, daß nicht nur Lebensstationen aufgehoben werden, auch Lebenssituationen und Lebenslagen werden zunehmend instabil. Aktionen und Reaktionen im Lebensalltag sind einer bisher unbekannten Dynamik unterworfen. Und die Familie als traditionelles Dach im Generationenverbund gibt es nicht mehr. Damit verändern sich nicht nur Rituale im Umgang mit Vergangenem, mit Gestorbenen, sondern auch das Aufgehobensein in Gemeinschaften. Zu beobachten allgemein-gesellschaftlich ist die Vereinsamung, die Verunsicherung, die Isolation, auch die Selbstisolation von Menschen.
Doch die Suche nach Trost, nach Ersatz, nach Verdrängung und nach Zuspruch bleibt bestehen. Was also wollen, was können wir in diesem Strukturwandel leisten? Mir scheint, es gilt immer mehr, sowohl die Bedürfnisse als auch die Interessen der sich uns Anvertrauenden zu erkennen, zu wecken - und dann auch zu lenken, zu lenken für ein Selbstvertrauen, im neuen Alltag sich zurechtzufinden und souverän den neuen Alltag zu gestalten zu können. Das aber ist gerichtet auf die ganze Person und die ganze Persönlichkeit - also auf die psycho-soziale Gerichtetheit und nicht auf die momentanen Gefühle. Herauszufinden und zu bestärken also sind m. E. die Kontinuität, die Identität und die Konstanz in der uns begegnenden Persönlichkeit genauso wie in der von uns zu beerdigenden Individualität. Das aber erfordert von uns nicht nur ein, wie so oft schon angemerktes und doch umstritten debattiertes Werten von Leben, sondern auch ein Akzeptieren von anderen Sinnrahmen, Sinngebungen, Sinnorientierungen als der eigenen. Was wir leisten müssen, professionell leisten müssen, ist Bewältigungshilfe zu geben - für und mit den Betroffenen über das Problemerkennen zur Problemlösung zu finden. Und hierin bündelt sich m. E. der Anspruch der Bestattungs- und Trauerkultur. Es kann nicht bleiben, daß wir in erster Linie der eine oder der andere sind.
Die konkreten Fragen in den konkreten Gesprächen beinhalten auch immer das eine und das andere, springen regelrecht auch durcheinander.
- Wie wird der Ablauf der Feier sein?
- Darf man denn ganz persönliche Dinge in der Rede hervorheben?
- Wen soll man nennen und wen lieber ignorieren?
- Werfe ich Sand in die Grube nach, obwohl doch dieses doch ein aus der christlichen Tradition übernommenes Ritual ist?
- Darf man denn moderne Musik spielen?
- Warum darf die Feier nicht am offenen Sarg oder aber auch direkt an der Grabstätte stattfinden?
- Ich möchte keine herkömmliche Feier in der überteuerten, verstaubten, muffigen, baulich heruntergekommenen, mit Bibelsprüchen oder Jesus-Bildern geschmückten Feierhalle, welches Ritual ist an der Grabstelle erlaubt?
- Sagen Sie, wie ist überhaupt der Ablauf einer Trauerfeier?
- Darf ich Sie nach der Feier zum Umtrunk einladen?
- Warum muß denn der Tote unbedingt in einem Sarg verbrannt werden?
- Muß man denn unbedingt eine Schmuckurne benutzen?
- Kann ich denn einen Toten wirklich noch einmal in sein bisheriges Zuhause zurückholen?
- .....

Das Fragenspektrum ließe sich unendlich erweitern. Eigentlich wird zum Ausdruck gebracht, daß man unsicher ist, unsicher, wie mit Kultur und Tradition sozusagen umzugehen ist. Der Bestatter gab darauf seine Antwort, von den Rednern/Rednerinnen wird eine Antwort noch einmal erwartet (nach Möglichkeit die gleiche, die man schon hörte). Und in der Trauerbegleitung werden alle Fragen noch einmal gestellt, um letztlich die Gewißheit zu erhalten, daß "man doch alles richtig gemacht habe - ja?" Aber sind denn in ihren Ansichten die Bestatter und die Redner/die Trauerfeierbegleiter immer konform? Wie verhält man sich als Redner, wenn der Bestatter ganz andere Auffassungen vertritt? - Die umgekehrte Frage wird es auch, aber wohl eher kaum geben - denn: der Bestatter wird nur Redner beauftragen, die ihm "genehm" sind. Wie also verhält sich eigentlich ein Redner, der professionell und kommerziell seine Aufträge sich verdient? Wie auch, wenn die Hinterbleibenden den Redner, den Feierbetreuer/Feierbegleiter unabhängig vom Bestatter, also "privat" wählen?

Fragen, die wir unserem Anspruch entsprechend in Antworten lenken sollten, auch wenn viele Fragen uns selbst begleiten: Was also ist tradiert, was also ist kulturvoll? Was ist Bestattungs- und Trauerkultur - und zwar nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, in der Zukunft? Viele Fragen, viele Antworten - das wissen wir, nicht erst seit heute. Die Probleme sind nun ein weiteres Mal umrissen, benannt. Gelöst aber sind sie noch immer nicht. Die Lösung aber ist unser Anspruch. Aus diesem Grunde auch haben wir dieses Mal zur gemeinsamen Debatte geladen, in der wir Thesen formulieren möchten - die Ihre/Eure Erfahrungen, Erkenntnisse, Ihr/Euer Wissen und Bedürfnis zur Artikulation auf den Punkt, besser: auf die Punkte bringen sollen - so ganz unter dem Motto: "Das Heute soll ein besonderer Tag im Rest Deines Lebens sein".

Unser Name - unser Anspruch! Unter diesem Motto wollen wir Thesen erarbeiten, - miteinander - alle Erfahrungen, alles Wissen bündeln in die von uns formulierten Forderungen an die Arbeit Und im kommenden Jahr wollen wir einladen zu einem Kolloquium zum Thema "Weltliche Bestattungs- und Trauerkultur - eine Anmaßung, eine Zumutung, ein Bedürfnis, ein Unterschied zum Hergebrachten und Gewohnten?" Oder: "Brauchen wir Unterschiede zum Tradierten und Herkömmlichen?"

Doch brauchen wir überhaupt in der gegenwärtigen Zivilisation der Individuen und in der Individualisierung der Personen gegenüber der Gesellschaft, der individuellen Verantwortungsverpflichtung auch jedweder Teile und Abschnitte, die bisher gesellschaftlich vorbestimmt, geprägt, ritualisiert, normiert wurden, nicht eigentlich und endlich die Aufhebung aller Vorschriften, Anordnungen und Direktiven, Verhaltensregeln und Verhaltensmustern? Soll in der personifizierten Verantwortungsübernahme gegenüber allem und jeden und der vermeintlich selbstgewählten und selbstbestimmten Lebenslage nicht ein jeder zusehen und bestimmen, wie wer unter die Erde oder in den Himmel oder in die See kommt? Ist nicht eigentlich der mit dem Friedhofszwang gekoppelte Bestattungszwang nicht auch ein Ritual der Vergangenheit? Die Urne auf dem Kaminsims, der Sarg in der selbstgeweihten Gartenerde wäre doch vielleicht dem Interesse des Gestorbenen ebenso wie des Hinterbleibenden viel natürlicher und persönlichkeits-entsprechender? Sollte man außerdem in der gegenwärtigen Welt der Entfremdung und Vereinzelung nicht vielmehr ein us-amerikanisches Ritual der Beerdigung übernehmen, wonach ein Toter verbrannt und dann anonym (wirklich anonym) durch ästhetisch inszenierte Wasserspiele hygienisch unbedenklich über einem, dem Gedenken geweihten Rasen versprengelt wird und unter ewigen Chopinschen Klängen der immer wieder neu gedünkte Rasen als englisches Zier- und Schmuckmuster sich erneuert?

Es gilt herauszufinden, ob wir die sind, - die auch verwirklichen, was sie bislang beanspruchten, - die in der kommerzialisierten Professionalisierung Schritt halten mit den Anforderungen und den Herausforderungen psycho- sozialer, politisch-kultureller Beratung, Begleitung, Betreuung ganz unterschiedlich betroffener Menschen, - professionell die gesellschaftlich-kulturellen Bedürfnisse und Wünsche der Gegenwart bedienen können, - die Maßstäbe im Denken und im Handeln zeitgemäßer und tradierter Bestattungen neu definieren und auch mitbestimmen können bzw. wollen, - die den bisherigen religiösen Sinngebungen und Sinnrahmen eine weltliche Lebensorientierung, in der der Einzelne für sich in seiner Persönlichkeit gestärkt für das Meistern sowohl der Gegenwart als auch der Zukunft heraustritt, entgegen-, dafürsetzen.

Thesen sind von uns gefordert. Eine schwierigere Aufgabe konnten wir uns nicht stellen. Ein "Gutes Gelingen" wünsche ich uns alle Male. Ein Nichtverzagen ebenso.

In der nachfolgenden Diskussion wurde vor allem um gerungen, gemeinsame Ansichten zu formulieren zu Fragen wie: - Gibt es eine praktikable und in der Wiederholung annehmbare Alternative zur bisherigen Bestattung? - Wie müßte sie aussehen? - Darf/Kann/Muß man bei einer "weltlichen" Beerdigung religiöse Rituale einbeziehen? - Gilt es, die tradierten Friedhöfe mit ihren Steinformen und -größen, mit ihren Bepflanzungs- und Gestaltungsvorgaben zu verändern? - Wie müßte der Friedhof der Zukunft aussehen? - Gibt es eine "weltliche Seelsorge"? Brauchen wir sie? - Was müßte sie beinhalten, wie müßte sie geleistet werden? - Worin unterscheidet sich die professionelle Begleitung in der Trauer von einem menschenfreundlichen, sensiblen und von Lebenseinsichten getragenem Mitgefühl? - Worin unterscheiden sich ein "Von - ihm - Reden" von einem "Über- ihn -Sprechen"? - Bestattungen haben sich kulturell in den deutschen Landen unterschiedlich manifestiert und tradiert, die Vorschriften werden regional nicht nur länderhoheitlich, sondern auch land- bzw.stadtkreislich erlassen, zumeist von Umweltbehörden. Ausnahmeregelungen sind sehr an das jeweilige politische, kulturelle oder auch religiöse Verständnis der jeweiligen konkreten behördlichen Mitarbeiter gebunden. - Sollte der Fachverband Vorlagen erarbeiten, die gesetzliche, rechtliche, richtlinige Allgemeingültigkeit beanspruchen, ausdrücken? Welche Handlungsorientierungen für die Bestattung im weitesten Sinne sollte der Fachverband herausgeben? - Welche herkömmlichen Rituale der Bestattung sind für die Zukunft bewahrenswert? Warum? Noch weitere Fragen drängen um ihr Ausgesprochenwerden. Doch zunächst: Soweit! - So gut?

Nachtrag:
Inzwischen setzte der Fachverband die Diskussion zu den Schwerpunktthemen fort: - Im Mai 2000 fand unter Federführung des Fachverbandes für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur ein Kolloquium statt zum Thema: “Weltliche Bestattungs- und Trauerkultur kontra Konfession, Konfessionalismus und Spiritualität?³ - Inzwischen haben sich im Fachverband Arbeitsgruppen gebildet, die diskutieren und debattieren zu Themen:
* Weltliche Bestattung - Inhalte, Formen und Ansprüche in der heutigen Zeit
* Weltliche Trauerredner/-innen - Beruf - Berufung - Passion
* Sterben, Tod und Trauer aus freigeistiger Sicht und die Förderung ihrer Akzeptanz in der Öffentlichkeit
* Rechtliche Grundlagen für Trauerfeiern und Bestattungen

- Inzwischen hat der Fachverband erneut - dieses Mal vor allem "Praktiker" - zu einem Kolloquium eingeladen: im Mai 2002 nach Berlin "Weltliche Bestattungs- und Trauerkultur in Berlin zwischen Überlieferung, Zwängen und Anspruch"

Über einen regen Meinungsaustausch freuen sich die Mitglieder des Fachverbandes für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur
 
 
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